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Pädagogik & Psychologie

Sprache im Alltag fördern - aber wie?

Sprache im Alltag fördern - aber wie?

Das gestohlene Pferd und das sprachlose Mädchen

„Gib es zurück!“ tönt Lena am Morgen durch den Gruppenraum. „Das ist unser Pferd!“ Lena ist stinksauer. „Wir holen uns das Pferd wieder!“ pflichtet Ayup bei. Er ist ganz ihrer Meinung: „Du darfst es nicht haben, wir sagen es der Erzieherin!“ poltert es lautstark aus ihm heraus. Die beiden Kinder sind wütend und stapfen durch den Raum in Richtung Zimmertür. Wieder an Ayup gewandt verkündet Lena entschlossen: „Die darf nicht mehr mit uns spielen!“

Gemeint ist Semira. Doch wie ist es überhaupt so weit gekommen?

Semira steht in der Gruppe und beobachtet Lena und Ayup, die in ein Rollenspiel vertieft sind. Gemeinsam spielen die beiden mit den neuen Bauernhoftieren. Alle Kinder haben große Augen gemacht, als die Erzieherin diese heute Morgen mitgebracht hat. Semira liebt Tiere, ganz besonders Pferde. Interessiert sieht sie zu, wie Lena und Ayup die Tiere bewegen und darüber beratschlagen, was sie den Pferden zu Fressen geben. Wie gerne würde Semira mitspielen. Sie weiß schließlich genau, was Pferde am liebsten fressen. Doch Semira kann leider noch nicht viele Wörter deutsch sprechen. Vorsichtig tritt sie auf die beiden zu, sucht den Blickkontakt und zeigt auf das Fohlen. Ayup sieht kurz zu ihr auf, senkt aber nach wenigen Sekunden wieder seinen Blick. Noch einmal nimmt sie all ihren Mut zusammen, doch mittlerweile sind Lena und Ayup so in ihr Spiel vertieft, dass sie Semira nicht bemerken. Schließlich geht Semira ein weiteres Mal auf die Kinder zu, nimmt das kleine Pferd weg und rennt aus dem Zimmer. Wie schön wäre es, wenn sie doch fragen könnte, „Darf ich mitspielen?“

Sprache ist der Schlüssel zur Welt!

Sprache ist der Schlüssel zur Welt! Mit dieser wertvollen und gleichzeitig unverzichtbaren Funktion ist sprachliche Bildung und Sprachförderung als Grundlage von Bildungs- und Chancengleichheit aus der Elementarpädagogik nicht wegzudenken. In der kurzen Geschichte von Semira, Lena und Ayup zeigt sich deutlich, welchen Wert Sprache auch in alltäglichen Situationen hat. Den drei Kindern in der Geschichte ist es nicht gelungen, in ein gemeinsames Spiel zu finden. Aber Sprache ermöglicht genau dies. Sie ermöglicht es den Kindern mit anderem Kontakte zu knüpfen und mit Ihnen ein wechselseitiges Spiel aufzubauen. Im Spiel können sie über Sprache ihre Bedürfnisse mitteilen, ihr Wissen kundtun, Emotionen ausdrücken und gemeinsames Lernen erleben. Somit gehört Sprachbildung zu einer der Kernaufgaben pädagogischer Fachkräfte. Auch die Schließungen der Einrichtungen im vergangenen Jahr führten dazu, dass die sprachliche Bildung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Kinder müssen den Rückstand aufholen können, um weiterhin, bzw. überhaupt Bildungschancen zu erhalten, denn in unserem Bildungssystem spielt die formale Bildungssprache eine große und bedeutende Rolle. Sie stellt das Basiswerkzeug unseres Systems dar und ist somit Vorrausetzung, sich Kompetenzen in allen Bildungsbereichen anzueignen und Teilhabe zu erleben.  

Erzieherinnen sind demnach vor die Herausforderung gestellt, den Sprachbildungsprozess bei den Kindern anzuregen und zu unterstützen. In Idealfall geschieht dies im Alltag, ganz nebenbei. Sprache umgibt uns alle immer und zu jeder Zeit, sie ist nicht separat zu betrachten. Sie ist auch im Alltag von Kindern immer und stets präsent. Kinder verwenden Sprache für die Gestaltung von Beziehungen und für den Aufbau ihrer inneren Vorstellungswelt.

Dialoge mit den wichtigsten Beziehungspersonen sind der Motor für die kindliche Sprachentwicklung. Es gibt unzählige alltägliche Situationen, in denen Sprache gezielt angeregt werden kann; Beim Wickeln, Beim Anziehen, Im Freispiel, beim Malen…

Je nach Kind sind die Signale so unterschiedlich, dass wir immer wieder neu beobachten müssen

Kinder lernen Sprache in für sie bedeutungsvollen Situationen, dann wenn wir als sprachliches Gegenüber auf sie eingehen, uns Ihren Interessen zuwenden und mit Herz und Seele in ihre Welt eintauchen. Eben immer dann wenn wir in Verbindung mit dem Kind stehen. Hier sollten die Fachkräfte sensibel sein für die Dialogsignale der Kinder. Manchmal ist es ein Blick, der ihnen zeigt, „ich möchte dir etwas sagen“, manchmal einzelne Worte, manchmal das Hinterherlaufen. Je nach Kind sind die Signale so unterschiedlich, dass wir immer wieder neu beobachten müssen, wie sich das Kind sprachlich verständlich machen möchte. Hier gilt es auch besonders die nonverbalen Zeichen wahrzunehmen und darauf zu reagieren.

Eine feinfühlige Haltung ist die Grundvoraussetzung für eine gelingende Unterstützung des Sprachaneignungsprozesses. Hieraus ergibt sich die Anforderung den Kindern in Gesprächen feinfühlig und interessiert entgegenzukommen und sich immer wieder als AnsprechartnerIn im Alltag anzubieten. Ausschlaggebend hierbei ist es, zu beobachten, die Themen des Kindes wahrzunehmen und aufzugreifen.

Gerade, wenn eine wertschätzende und vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Kind und dem Erwachsenen besteht, kann dies auch im Alltag gut gelingen.

Indirektes Korrigieren erleichtert dem Kind, die richtige Grammatik zu finden

Neben der grundsätzlichen Haltung gegenüber dem Kind stehen viele Möglichkeiten der praktischen Ausgestaltung derer zur Verfügung. Durch das bewusste Gestalten der Gesprächssituationen, können diese im Alltag gezielt genutzt werden. Indirektes Korrigieren erleichtert dem Kind, die richtige Grammatik zu finden.

Praxistipp

Kleine Gespräche mit Kindern: Einfach! Wertvoll!

K: “Gestern bin in Zoo geht.“  - E: „Ach toll, du bist gestern in den Zoo gegangen?“.

Ohne bloßgestellt zu werden, weil es verbessert wurde hört es sich in die richtige Grammatik ein und verinnerlicht diese. Darüber hinaus können mit der Erweiterung der kindlichen Aussagen ganz einfach nebenbei neue Wörter nebenbei gelernt werden. Ein Beispiel:

K: „Da ist ein Auto.“  - E: „Ja da ist ein rotes Auto.“

Offene Fragen sind ein weiteres sprachanregendes Gestaltungsmerkmal in Alltagsdialogen, dass die Kinder zum Erzählen und Denken angeregt. Hierzu zählen vor allem die W- Fragen. Was? Wie? Warum? Wo? Ein Dialog kann sich beispielsweise so entwickeln.

E: „Was spielt Ihr denn gerade?“  - K: “ Mama und Papa“

E: „Was macht denn die Mama?“ - K „Sie muss das Baby wickeln.“

E: „Wie wickelt man ein Baby? Hast du auch schon mal ein Baby gewickelt?“

Kinder können hierbei am besten über Situationen, Inhalte und Themen erreicht werden, die sie aus ihrer eigenen Lebenswelt kennen und es ihnen leicht gelingt, einen persönlichen Bezug aufzubauen.

Zuhören und von sich selbst etwas mitteilen sind die zentralen Aufgaben in einem Dialog. Das Ausbalancieren dieser beiden Seiten ist ausschlaggebend für den sprachanregenden Nutzten. Essenziel ist es daher, sich immer wieder selbst zu reflektieren und sich zu fragen, wieviel Zeit lasse ich dem Kind für Antworten und wieviel rede ich selber in einem Dialog. Folgende beispielhaften Fragestellungen helfen dies zu ergründen: Wieviel Zeit gebe ich Kindern, um die Sätze zu bilden und sich Antworten zu überlegen? Wie schnell helfe ich dem Kind? Lasse ich die Kinder ausreden? Bin ich in Gedanken schon beim nächsten Tagesschritt?

Eigenreflexion ist daher eine zentrale Aufgabe in der sprachlichen Förderung.

Wenn Sie als Fachkräfte sich über Ihre eigene Person und deren Wirksamkeit den Kindern gegenüber klarwerden, so können Sie Ihr eigenes Handeln und Sprechen bewusst einsetzen um eine sprachanregende Atmosphäre im Alltag zu ermöglichen.

Die Offenheit in den Dialog zu gehen und ein achtsames Aufgreifen der kindlichen Themen im Alltag sind somit die Grundlagen für gelingende sprachliche Bildung. Beruht diese Haltung auf einer positiven Bindung und wird diese durch den Einsatz bewusster Fragengstellungen ergänzt, so sind die Voraussetzungen für eine gelingende sprachliche Bildung in der Frühpädagogik geschaffen.

Letzten Endes geht es um das von Rudolf Seitz in einem Gedicht zusammengefasste.

Auf einen Blick
Mehr hin hören
Mehr Zeit verstreichen lassen vor der Reaktion
Mehr achten und beachten
Mehr lächeln und lachen
Mehr be-greifen und dadurch verstehen
Mehr singen und spielen
Mehr wundern und bewundern
Mehr führen und helfen statt er-ziehen
Mehr trösten und mitfühlen
Mehr loben
Mehr Zeit haben und Zeit lassen
Mehr miteinander sprechen
Mehr nachdenken

Mehr Stille und Ruhe
Mehr feiern
Mehr miteinander leben
Mehr zu-neigen

Rolf Seitz 1934-2001

Onlineseminar: Das A-Z der Beobachtungs- und Entwicklungsbögen

Onlineseminar: Sprache im Alltag fördern

Wir erarbeiten uns mit kompakter Theorie, Konzepte zur Umsetzung von alltagsintegrierter sprachlicher Bildung. Wir reflektieren die eigene Dialoghaltung und besprechen Praxisbeispiele. Am Ende des ersten Seminares besprechen wir eine kurze, effektive Übungsaufgabe bis zum nächsten Seminar. Somit erhalten Sie direkt Praxisimpulse und können diese beim nächsten Seminartermin reflektieren.

Die Inhalte:

  • Aspekte der Sprachentwicklung
  • Sprachfördernde Situationen im Alltag
  • Dialoghaltung
  • Mehrsprachigkeit in der Kita: Auswirkungen auf die Sprachentwicklung
  • Sprachlehrstrategien
  • Praxisbeispiele

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