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Pädagogik & Psychologie

Resilienz – was die Seele stark macht

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Resilienz – was die Seele stark macht

Pixabay: Foto von Sarah Bruns

Resilienz – was die Seele stark macht

Emma ist außer sich – sie hat das nicht kommen sehen und obwohl sie sich nicht verletzt hat, ist der Frust riesengroß. Warum passiert IHR das immer? Schon wieder ist sie hingefallen und es bedarf einer immensen Anstrengung, sich neu aufzurichten und weiterzumachen.

Paul hingegen fällt mindestens genauso oft hin, aber es macht ihm scheinbar gar nichts aus. Er ist schnell wieder auf den Füßen und lässt sich beim Verfolgen seiner Ziele kaum beirren. Warum scheint das eine Kind untröstlich, wenn es stolpert und hinfällt, während das andere sich wortlos wieder aufrichtet, die Hose abklopft und lachend weiter läuft?

In erster Linie geht es darum, dass Kinder die Erfahrung machen, dass sie wieder aufstehen können, wenn die Herausforderungen des Lebens sie einmal umwerfen.

Wäre es nicht prima, wenn wir alle einen Helm für unsere Seele hätten?

Seelisch starke Kinder mit hoher Resilienz zeichnen sich durch Kompetenzen aus, mit denen anstehende biologische, psychologische oder psychosoziale Entwicklungsaufgaben und Krisen erfolgreich gemeistert werden können.

Diese psychische Widerstandsfähigkeit bezeichnet man als Resilienz.

Die Kompetenzen, die dafür benötigt werden, nennt man Resilienzfaktoren/Schutzfaktoren. Sie begünstigen die Entwicklung psychischer Widerstandskräfte und können im pädagogischen Alltag von Fachkräften unterstützt und gefördert werden. Resilienz ist folglich keine Persönlichkeitseigenschaft oder ein besonderer Charakterzug, sondern eher ein Entwicklungsprozess.

Die wohl wichtigste Grundlage zur Entwicklung von Resilienz ist eine verlässliche, vertrauensvolle und wertschätzende Beziehung zu einer stabilen Bindungsperson. Mit ihrer Hilfe kann das Kind Leistungsanreize, Schutzzonen, Forderung und Förderung erfahren. Wenn es auf der Grundlage dieser Bindung eigenes Gefühlsmanagement, Selbstfürsorge und Problemlösetechniken erlernen darf, ist es in der Regel gut gestärkt für das Leben.

Erziehende können die Entwicklung von Resilienz begünstigen.

Bedingt durch unsere heutige Arbeitswelt kommt es immer häufiger dazu, dass Kinder mehr „wache Zeit“ in einer Kita verbringen, als zu Hause bei den Eltern. Ohne das bewerten zu wollen, macht es doch deutlich, welch großer Einfluss den Einrichtungen für die Entwicklung der kindlichen Resilienz zukommt.

Einfluss nehmen können wir über die folgenden Resilenzfaktoren.

Resilienzfaktoren:

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung

  • Selbststeuerung

  • Selbstwirksamkeit

  • Soziale Kompetenz

  • Problemlösekompetenz

  • Stressbewältigung

Selbst- und Fremdwahrnehmung

  • Bewusstsein über den eigenen Körper entwickeln
  • Gefühle kennen und angemessen ausdrücken können
  • Stimmungen einordnen und Gedanken/ Gefühle reflektieren können

Das heißt für die Erziehenden:
Kinder werden im Aufbau ihres sprachlichen Repertoires, dem Benennen ihrer Gefühle und bei der Reflexion ihrer Gedanken unterstützt.

 

Selbststeuerung

  • Sich und seine Gefühle selbständig regulieren und kontrollieren
  • Bewusstsein für Handlungsalternativen und Selbstberuhigungsstrategien haben

Das heißt für die Erziehenden:
Kinder darin begleiten, ihre Aufmerksamkeit zielbezogen zu steuern und sich selbst positiv zu motivieren → positive Rückmeldung und verlässliche Assistenz

 

Selbstwirksamkeit

  • Wissen um seine eigenen Stärken und Fähigkeiten und einen positiven Bezug dazu herstellen können
  • Erfolge auf zielführendes eigenes Handeln zurückführen und die dazu notwendigen Strategien auf andere Situationen übertragen

Das heißt für die Erziehenden:
Balance zwischen selbsttätigem Tun des Kindes und notwendigem Eingreifen herstellen, mit vorschnellen Lösungen zurückhalten und Verantwortung übernehmen lassen.

 

Soziale Kompetenz

  • Beziehungen aufbauen und aufrechterhalten können
  • Soziale Situationen reflektieren, empathiefähig sein
  • Konflikte angemessen lösen
  • Sich selbst behaupten
  • Kooperationsfähig sein

Das heißt für die Erziehenden:
Vorbildfunktion - Sprache, Reaktion und Emotionen sollen immer nachvollziehbar sein. Die Kinder sollen erleben, dass die eigenen Bedürfnisse und Gefühle ernst genommen werden (dann können sie sich besser auch in andere hineinversetzen)

 

Problemlösekompetenz

  • Sich selbst realistische Ziele setzen
  • Fähigkeit, Problemlösestrategien zu entwickeln

Das heißt für die Erziehenden:
Auf vorschnelle Hilfestellungen verzichten und die Kinder in Entscheidungs- und Planungsprozesse mit einbeziehen

 

Stressbewältigung

  • Eigene Grenzen kennen und Unterstützungsbedarf ermessen können
  • Körperliche Zustände und stressige Situationen einschätzen können und wissen, was man braucht

Das heißt für die Erziehenden:
Berücksichtigung von individuellen Entspannungsbedürfnissen von Kindern

Praxistipp

Die 7 Säulen der Resilienz (nach Karen Reivich und Andrew Shatté)

Mit den folgenden Übungen zu den 7 Säulen der Resilienz, können die Schutzfaktoren gestärkt werden:

1. Säule: Lösungsorientierung

Übung:
Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Diese Übung fördert die Lösungsorientierung. Wenn das Kind von einem Problem berichtet, fragen Sie es, ohne vorschnelle Hilfe, welche Lösung es sich wünscht. Überlegen Sie dann gemeinsam den ersten Schritt, um die Wunschlösung zu erreichen. Zerlegen Sie den Weg in einzelne Schritte. Dies erleichtert die Problemlösung oft erheblich.

 

2. Säule: Selbstregulierung

Übung:
Der sichere Ort

Diese Übung fördert die innere Sicherheit. Leiten Sie das Kind an, sich mit geschlossenen Augen einen Ort vorzustellen, an dem es sich besonders wohlfühlt. Diesen Ort kann es in Gedanken nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten. Sagen Sie ihm, dass es dort immer sicher und geborgen sein wird. Wenn das Kind künftig Angst hat, unsicher ist oder sich nicht wohlfühlt, kann es in Gedanken wieder an seinen sicheren Ort gehen und dort Kraft sammeln.

 

3. Säule: Eigenverantwortung

Übung:
Was ich schon alles kann

Diese Übung fördert die Selbstwirksamkeit. Zeigen Sie dem Kind auf, was es neu gelernt hat, was es schon kann und was es gerne tut.

Wertschätzen Sie es für seine Fortschritte und beobachten Sie gemeinsam, wie seine Entwicklung voranschreitet. Eigene Erfolge lassen sich so leicht beleuchten. Sollten schwierige Zeiten auftreten, kann es auf bereits getätigte Problemlösestrategien und Erfolgserlebnisse zurückgreifen.

 

4. Säule: Akzeptanz

Übung:
Viele schöne kleine Dinge

Diese Übung fördert die Achtsamkeit. Durch die Aufmerksamkeitsfokussierung auf Details lernt das Kind, sich zu konzentrieren und Kleinigkeiten wahrzunehmen. Seine Merkfähigkeit wird geschult und es entwickelt einen Blick für die Vielfalt der Welt und lernt auch kleine Dinge zu schätzen.

 

5. Säule: Netzwerkorientierung

Übung:
Ich bin nicht allein

Diese Übung fördert die Netzwerkpflege. Gestalten Sie mit dem Kind eine Fotowand oder lassen Sie es ein Bild malen mit allen Menschen, die ihm wichtig sind. Das Kind sollte sich selbst in die Mitte der Fotowand oder des Bildes positionieren und seine wichtigsten Bezugspersonen um sich herum.

 

6. Säule: Zukunftsplanung

Übung:
Das Leben ist schön

Diese Übung fördert die Zukunftsplanung. Sprechen Sie mit dem Kind darüber, in welchem Moment es ganz zufrieden und glücklich gewesen ist – vielleicht auf dem Spielplatz, beim Eis essen mit seinen Freunden oder abends im Bett mit seinen Kuscheltieren. Ermuntern Sie es, Ihnen ausführlich von diesem glücklichen Augenblick zu erzählen. Fragen Sie nach seinen Gefühlen und Gedanken, damit das Kind lernt zu reflektieren. Ermuntern Sie das Kind dazu, das Glück dieses Moments zu bewahren.

 

7. Säule: Realistischer Optimismus

Übung:
Ich bin mutig und neugierig

Diese Übung fördert das Selbstvertrauen. Nehmen Sie die Ängste des Kindes ernst und stehen Sie ihm bei, wenn es sich mit diesen Ängsten beschäftigt. Finden Sie heraus, was das Kind braucht, um Ängste zu überwinden und helfen Sie ihm möglichst konkret.

Ermutigen Sie das Kind, sich immer mehr zuzutrauen.

Vermitteln  Sie dem Kind Suggestionen - beispielsweise den Satz „ Ich bin neugierig und mutig “

oder „Ich schaffe das!“

An Ideen und Möglichkeiten mangelt es in der Regel nicht, nur fehlt es im Arbeitsalltag oft an Zeit und Muße, sich mit den Dingen zu beschäftigen. Meist scheitern wir schon alleine deswegen, da uns der Berg zu hoch erscheint und wir ihn daher erst gar nicht versuchen zu erklimmen.

Doch wenn wir uns nur eine ganz kleine Sache vornehmen und diese bewältigen, dann sind wir doch schon erfolgreich. Es muss nicht immer der ganz große Wurf sein - im Gegenteil. Wenn wir jeden Tag ein klitzekleines Bisschen besser werden, dann sind wir irgendwann VIEL besser. Das sollten wir uns vor Augen halten.  

Und so schließen wir den Worten des "weisen" Captain Jack Sparrow:

Das Problem ist nicht das Problem. Das Problem ist Deine Einstellung zum Problem.

Online-Live-Seminar

Resilienzförderung für Kitakinder

Wir können die Kinder in ihrer Resilienz fördern und sie in ihrer psychischen Stärke unterstützen. Wie das funktioniert wird im Seminar anschaulich ausgeführt.

  • Definition und die Bedeutung von Resilienz
  • Forschung: Was ist heute über Resilienz bekannt?
  • Faktoren, die Resilienz negativ beeinflussen
  • Förderliche Faktoren für Resilienz
  • Säulen der Resilienz/ Ressourcen der Kinder
  • Resilienz-Übungen, Beobachtung und Training
  • Die Rolle der ErzieherIn / Selbstreflexion

Seminarzeiten:

20.06.22;  von 09:00 - 12:00 Uhr & 13:00 - 16:00 Uhr

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Kommentar von Bernd Taglieber |

Sehr gehaltvoller Artikel und prima Praxishinweise

Antwort von Markus Bräuning, Berufsbildungsseminar e.V.

Vielen Dank für den Kommentar. Wenn die Inhalte als Praxistauglich empfunden werden, freut uns das ganz besonders.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Bitte rechnen Sie 6 plus 6.
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