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Berufsrolle & Persönlichkeitsentwicklung

Reif für die Insel... oder doch der schönste Job der Welt?

Reif für die Insel... oder doch der schönste Job der Welt?

pixabay: Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke

„Sanne, ich will nach Hause, ich hab Angst!“ Frieda liegt mit ihrem Kuschelhasen im Arm eng an ihre Erzieherin gekuschelt. „Du brauchst keine Angst haben!“, bestärkt Susanne „Ich bin bei dir“. Das Mädchen lässt sich von Ihrer Erzieherin beruhigen und findet wieder in den Schlaf. Was eine aufregende Nacht in der Kindertagesstätte, alle Schulanfänger dürfen heute zum Abschluss ihrer Kitazeit dort übernachten.

Eine aufregende Übernachtung in der Igelgruppe

Etwa zwei Stunden später sitzt Frieda zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder vergnügt am Frühstückstisch. Für Frieda war die Nacht sehr besonders, sie hatte zwischendurch großes Heimweh, aber jetzt platzt sie fast vor Stolz. Unglaublich, was sie sich getraut hat. Sie hat in ihrem Kindergarten geschlafen. In ihrer geliebten Igelgruppe mit ihrer Sanne…

Eine außergewöhnliche Nacht war es auch für Susanne, sie hat kein Auge zu gemacht, war permanent aufmerksam und angespannt. Sie freut sich darauf, wenn sie gegen Mittag nach Hause fährt, zu ihrer eigenen Familie. Trotz der Anstrengung war es auch für Sie ein schöner Abschluss mit den Kindern. Es ist jedes Jahr ein Gänsehautmoment, wenn die Schulanfänger verabschiedet werden.

„Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird, wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.“ Astrid Lindgren

Frieda, die Schulanfängerin, hat viel – irrsinnig intensiv - erlebt in ihrer Kita Zeit. Nun freut sie sich auf einen spannenden neuen Lebensabschnitt - sie wird am Ende des Sommers ein Schulkind sein. Vermutlich weiß sie noch nicht so recht, was sie im Schullalltag erwartet, aber sie steckt voller Neugier und Vorfreude.

Nicht nur für die Kinder  ist der Abschied manchmal schwer

Susanne wird Frieda vermissen, vier Jahre haben Sie gemeinsam in der Kita verbracht. Das Mädchen war zwei, als die Erzieherin es das erste Mal auf dem Arm hielt. Für Susanne ist dies somit auch ein sehr emotionaler Moment. Parallel fiebert Susanne aber auch den Sommerferien entgegen. Nur noch wenige Tage und das Kindergartenjahr geht zu Ende.  

Susanne, die Erzieherin in der Geschichte, steht stellvertretend für so viele pädagogische Fachkräfte in Kita, Krippe und Schulkind-Betreuung. Eines haben all diese pädagogischen Fachkräfte sicherlich gemeinsam, ein Jahr voller Lebendigkeit, Anstrengung und Emotionen liegt hinter Ihnen. Und geleistet wurde in diesem – wie in vielen voran gegangenen Jahren- so „irrsinnig“ viel.

Die Kinder werden betreut, begleitet, in Ihrer Entwicklung unterstützt und gefördert. Hierfür schaffen die Erzieherinnen und Erzieher und pädagogischen Fachkräfte einen Tagesablauf, der den Blick sowohl auf die Gruppe als auch die einzelnen Kinder legt. Dieser Alltag umfasst Zeiträume für Ankommen, Essen, Ruhe, Bewegung, Pflege, Bildung, Freispiel und vieles mehr. Hierbei gilt es ständig auf Abweichungen und veränderte Bedürfnisse einzugehen.

Wann hat Lars Hunger? Heute braucht Emre aber lange zum Einschlafen! Sind im Kuchen Nüsse? Carla wird heute von der Tante abgeholt – liegt hierzu eigentlich die Einwilligung vor? Malik möchte heute unbedingt etwas über Dinosaurier wissen! Haben alle Igelkinder die Erlaubnis mit spazieren zu gehen? Wie schön es jetzt wäre, ein Foto schießen zu dürfen! Wann kommt Kilians Mutter zum Elterngespräch? Aylin ist krank und muss abgeholt werden! Wieso steht da eigentlich ein Stuhl auf dem Tisch? Katja soll im Garten auf jeden Fall die Matschhose anziehen! Leo hat sich heute das erste Mal auf die große Rutsche getraut! Heute gibt’s Spinat!? Wer macht wann Pause?

Es ist ganz schön was los in diesem täglichen Miteinander, dies bietet den Kindern die besten Möglichkeiten zu lernen und sich zu entwickeln. Ebenso werden passgenaue Bildungsangebote vorbereitet, durchgeführt und reflektiert. Hierbei wird permanent beobachtet: Was brauchen die Kinder gerade? Was Interessiert Sie? Was ist wertvoll für den Moment? Beobachtetes wird dokumentiert, sei es in Lerntagebüchern, Portfolios oder auch Beobachtungsbögen.

Trotz enormer Anforderungen stets einfühlsam und empathisch zu sein, ist manchmal eine echte Herausforderung für Erzieher:innen

Während all dies passiert, heißt es zu jeder Zeit einfühlsam, emphatisch, bedürfnisorientiert und pädagogisch Informiert zu sein. Erziehrinnen und Erzieher leisten so viel!  Sie trösten und stärken die Kinder, sind Vorbild, stecken Grenzen und eröffnen gleichzeitig viele Möglichkeiten. Sie nehmen Bedürfnisse wahr, passen ihr Handeln entsprechend an, sie bilden sich weiter, verbessern fortwährend ihre fachlichen Kenntnisse und reflektieren ihr Tun. Weiterhin begleiten sie die Kinder durch Wut und Ärger, teilen Freude mit ihnen und unterstützen sie beim Erleben von Emotionen aller Art. Erzieherinnen und Erzieher gewöhnen neue Kinder ein, bauen Vertrauen auf, geben Sicherheit, gestalten Übergänge und begleiten in wichtigen Lebensmomenten. Sie bringen die Kinder zum Lachen, befähigen sie für das Leben, lassen sie Teilhabe und Partizipation erleben und schaffen bleibende Erinnerungen. Durch die Gestaltung von Wohlfühlorten und das Veranstalten von Festen für die ganze Familie, schaffen sie besondere Momente für Kinder, Eltern und Verwandte. Nebenbei erfüllen sie ihre Aufsichtspflicht, haben stets alle Kinder im Blick und tragen große Verantwortung. Pädagogische Fachkräfte kommunizieren von früh bis spät, sind verlässliche Ansprechpartner und beantworten am Tag mindestens 100 Fragen.

Im Alltag stoßen sie auch immer wieder auf schwierige, konfliktbehaftete Situationen oder Unsicherheiten. Zum Beispiel, wenn kindliches Verhalten herausfordert, wenn eine Gefährdung des Kindeswohls im Raum steht, Kinder einen besonderem Förderbedarf haben, wenn sich Gesetzte und Rahmenbedingungen wandeln, Veränderungen im Team anstehen oder auch in der Kommunikation mit Eltern.

Hier lohnt sich ein kleiner Blick in Richtung „Elternarbeit“. Eine Erziehungspartnerschaft mit Eltern ist gewinnbringend und bereichernd für beide Seiten und vor allem eine grundlegende Voraussetzung für eine positive Betreuungszeit für die Kinder. Aber nicht immer verläuft diese Zusammenarbeit problemlos. So müssen spannungsgeladene Situationen gelöst, Entwicklungsrisiken thematisiert und schwierige Elterngespräche geführt werden. Ebenso bringen die Eltern eigene Bedürfnisse und Vorstellungen mit, was die Betreuung und Bildung Ihrer Kinder in der Einrichtung anbelangt.

Nicht zu vergessen ist eine wesentliche weitere Rolle einer pädagogischen Fachkraft: Sie ist auch  eine Mitarbeiterin und Kollegin. Es ist ein Beruf, der sehr von Teamarbeit geprägt ist. „Wo Menschen miteinander schaffen, machen sie einander zu schaffen", schrieb einst Professor Friedemann Schulz von Thun. Und genau das spielgelt sich in der täglichen Arbeit wieder. Das gemeinsame Schaffen ist inspirierend, birgt viele Qualitäten und schöne Momente, doch gleichzeitig steckt es voller Herausforderungen und Konfliktpotenzial. So werden im Team permanent Probleme gelöst, Absprachen getroffen, Gespräche geführt und gemeinsame Ziele gesteckt.

So umfangreich es wirken mag, so bildet dies immer noch nur einen Teil der Aufgaben und Verantwortungsbereiche einer pädagogischen Fachkraft  ab. Es zeigt eindrücklich, wie vielschichtig die Arbeit in einer Kita in Wirklichkeit ist. Es ist schon beeindruckend, was in der Betreuung
und Bildung der Kinder tagtäglich geleistet wird. Dies verdient Anerkennung und Achtung!

Auch die Fachkräfte haben Bedürfnisse, die beachtet und gewürdigt werden müssen

Neben all den Bedürfnissen von Kindern, Eltern, Arbeit- und Gesetzgebern darf etwas sehr Wesentliches nicht vergessen werden. Die Bedürfnisse der Erzieherinnen und Erzieher – deren Perspektive verdienen Gehör und Beachtung.

Ihr scheinbar unermüdliches Handeln bringt fast jede Fachkraft früher oder später einmal an ihre Grenzen an der Sie merkt, dass die Kraft schwindet. Das sind die Momente, an denen Sie vielleicht denkt: „Jetzt reicht es, ich kann/will nicht mehr!“  Diese Gedanken sind nicht nur nachvollziehbar sondern müssen auch gewürdigt werden. Vom Umfeld und von der Fachkraft selbst. Es muss erlaubt sein, auch einmal schwach zu sein – nicht mehr zu können.

Aber gibt es einen Ausweg aus dem Stress und der Arbeitsbelastung? Fachkräftemangel, ungünstige Erzieher-Kind-Schlüssel und andere widrige Rahmenbedingungen machen die Arbeit in den pädagogischen Einrichtungen nicht leichter. Doch trotzdem gibt es immer wieder Aussagen wie: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt“. Nur wie kann das sein? Wie schaffen diese Erzieherinnen und Erzieher es, die Welt so rosarot zu sehen? Woher nehmen Sie diese Kraft, so viel Optimismus zu versprühen? Wie können sie immer wieder neue Motivation finden?

Sicher gibt es viele Ansätze der Selbstmotivation. Hier schauen wir auf zwei gewichtige Kraftquellen, die helfen können, immer wieder neue Kraft zu schöpfen.

Kraft schöpfen aus der Zeit mit den Kindern

Ein Schlüssel liegt bei den Kindern selbst und der Arbeit mit ihnen. Die Zeit mit Ihnen ist geprägt von Veränderung und Fortschritt, von kleinen und großen Erfolgen, die permanent erzielt werden. Ihre unbekümmerte Art, Dankbarkeit und Wertschätzung zu zeigen und zu spiegeln, hat zuweilen fast eine magische Wirkung auf uns Erwachsene. Es sind nicht unbedingt nur die Worte der Kinder, die uns dabei berühren. Ein zartes Lächeln, die Freude über eine neu erlernte Fähigkeit, das Interesse, sich der Erzieherin als neue Vertrauensperson zuzuwenden, können für eine unglaubliche Motivation sein. Alleine zu erleben, wie ein Kind zum ersten Mal den Mut fasst, die Hand der Bezugserzieherin zu nehmen, kann vieles andere für einen Moment vergessen machen.

Genau diese vermeintlichen kleinen Momente sind es, deren Wert unschätzbar und deren Wahrnehmung so unglaublich wichtig ist. Denn diese Momente sind Nahrung für unser Motivationssystem. Auch in der Glücksforschung wird mittlerweile belegt, dass häufigeres intensives Erleben schöner Momente sehr positive Wirkung auf unser Gesamtempfinden hat.

Eine pädagogische Fachkraft begleitet in ihrem Berufsleben unglaublich viele Kinder, doch ist jede Sekunde der gemeinsamen Zeit mit den Kindern einmalig und von Bedeutung. Es zählen der Moment und das jeweilige Kind. Auch Erzieher und ErzieherInnen bauen Bindungen zu den Kindern auf. Sie sind bei vielen entscheidenden Entwicklungsschritten dabei. Dabei erleben sie, wie Ihnen die Kinder Vertrauen, Zuneigung und Wärme entgegenbringen. Die meisten Menschen finden es einfach nur schön, wenn ihnen vertraut wird. Kindern fällt es in der Regel leicht Vertrauen zu schenken und das wiederum kann von Erziehenden durchaus als Privileg wahrgenommen werden, dass sie im Privaten nicht immer so erleben.

Kraft schöpfen aus der Bedeutsamkeit der eigenen Arbeit mit den Kindern

Es kann schon eine Freude sein, zu erleben, wie die Kinder größer und selbstständiger werden und ihre eigenen Wege immer deutlicher gehen. Die Erzieherin oder der Erzieher ist dabei über Jahre eine zentrale Person für die Kinder! Sie wissen, dass sie sich auf sie/ihn verlassen können, teilen sich mit, lassen sich trösten und sammeln hier erste außerfamiliäre Bindungserfahrung. Ebenso sind die Erzieherinnen und Erzieher in Krippe oder Kita für die Kinder meist der erste Kontakt in institutionalisierte Bildung – umso wichtiger, dass die Kinder eine gute Beziehung aufbauen können und in ihren Eigenschaften, Talente und Stärken gesehen werden.

Es gibt ganz sicher Berufe, in denen man mit weniger Aufwand und weniger Verantwortung mehr Geld verdient. Doch hat alles seinen Preis. Der Vertriebler mit dem großen Wagen muss sich vielleicht jeden Monat rechtfertigen, warum er im Januar nicht mehr Umsatz gemacht hat, als im Januar vor einem Jahr. Die/der höhere Beamte, mit den guten Bezügen und der stattlichen Pension, ist mit seinem Arbeitsalltag vielleicht gar nicht immer zufrieden, Vielleicht fehlt ihr/ihm der Sinn, oder die Bedeutsamkeit des eigenen Wirkens.   

Etwas anderes ist es bei Erzieherinnen und Erziehern in einer Bildungs- und Betreuungseinrichtung.
Wer hier pädagogisch mit den Kindern arbeitet ist Teil von etwas ganz Großem. Heutzutage verbringen sehr viele Kinder mehr ihrer wachen Zeit in der Einrichtung als zu Hause. Durch die pädagogische Begleitung und ihr Tun haben die Fachkräfte Teil an der Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Kindes. Und die einzelnen Persönlichkeiten einer Generation sind es, die die Gesellschaft prägen und die unser aller Zukunft mit gestalten.

Aus Sicht der Fachkräfte und Pädagogen kann es also ein wertvoller Gedanke sein, dass Sie einen sehr prägenden verantwortungsvollen Beruf innehaben, der von sehr großer Bedeutsamkeit ist. So könnten Sie es als eine ehrenvolle Aufgabe sehen, ein Stück im Leben der Kinder deren Entwicklungsbegleiter:in zu sein.

„Kinder ins Leben zu begleiten, ist ein empfindlicher, empfindsamer und verletzlicher Prozess. (...) Man kann nicht alles richtig machen. Alles, was man macht, wirkt sich aus. Es ist das Leben selbst in verdichteter Form. Wir müssen fühlend und denkend darauf schauen.“

Robin Menges

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