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Pädagogik & Psychologie

Portfolio: Beobachten und Dokumentieren von Bildungsprozessen

Portfolio: Beobachten und Dokumentieren von Bildungsprozessen

Der Blickwinkel ist entscheidend – stärkenorientiert oder defizitorientiert?

Beobachten und Dokumentieren ist mittlerweile in fast allen Konzeptionen der Kindertagesstätten groß aufgehangen. Der wichtigste Schritt, den jedoch jedes KiTa-Team gehen muss, ist der Transfer vom theoretischen Teil in die praktische Umsetzung.

Von den unterschiedlichsten Verlagen bekommen wir eine große Auswahl an Beobachtungsbögen angeboten. Jeder wirbt mit einer speziellen Umsetzungstechnik: Zum Beispiel die klassische Tabellenform, die Entwicklungsspiralen oder die freie Beobachtungsform. Außerdem sind es Testformate, die einem Alter und einem Entwicklungsstand zugeordnet werden müssen und dann ist da noch der Portfolio-Ordner.

Man merkt, sobald man sich mit dem Thema beschäftigt, ist die Fülle an Angeboten enorm und man muss sich als Team für einen Weg entscheiden. Eine wichtige Haltungsfrage und somit ein Kriterium für den Auswahlprozess kann folgende Fragestellung sein: „Nehme ich einen defizitorientierten Blick in der Beobachtung ein und schaue welche Fördermöglichkeiten ich dem Kind ermöglichen möchte? Oder geht mein Augenmerk eher hin zu den Entwicklungsfortschritten und handle nach dem Motto: “Stärken stärken und Schwächen schwächen”?

Erschwerend kommt hinzu, dass der Einflussfaktor Zeit immer wieder eine große Rolle in der Beobachtung und Dokumentation einnimmt. Auch der Fachkräftemangel hat Auswirkungen auf das Beobachtungsinstrument.

Die Bildungs- und Lerngeschichten sowie die Prozesse um die Beobachtungen und Dokumentationen sollen keine zusätzliche Last für die pädagogischen Fachkräfte darstellen. Vielmehr sollte der unglaubliche Nutzen dieses Vorgehens im Team diskutiert und anschließend fokussiert werden. Folgende Fragen werfen sich auf:

  • Ist eine Umsetzung für uns realistisch?
  • Welche Parameter können wir verändern, um einen Ablauf zu gewährleisten?
  • Fällt im Gegenzug zusätzliche Last in Form von Dokumentation weg?

Portfolio-Ordner – mehr als nur ein nettes Bilderbuch

Betrachten wir zunächst einmal den individuell gestalteten Portfolio-Ordner. Obwohl die Portfolioarbeit bereits seit einem guten Jahrzehnt in der pädagogischen Arbeit einen neuen Akzent setzt, befinden wir uns immer noch in einer Experimentierphase. Sowohl die Kinder, die Erziehungsberechtigten, das pädagogische Team als auch die Träger suchen nach einer perfekten internen Lösung, die allen Anforderungsprofilen gerecht wird.

Auf dem Markt gibt es zahlreiche Literatur und Kopiervorlagen. Jedoch muss jede Kindertagesstätte sich auf den Weg machen, eine individuelle Dokumentation zu erstellen. Meist besteht dieser Portfolio-Ordner aus dem „Portfolio” in dem das Kind sich ausdrückt. Hierbei dürfen auch die Kunstwerke weiterhin gesammelt werden. Aber ein Schritt der häufig untergeht: Der Portfolio-Ordner dient auch dazu, Informationen über die Entwicklungsschritte zu dokumentieren. Bildungs- und Lerndokumentationen, beziehungsweise Geschichten sind darin fester Bestandteil. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) empfiehlt hierzu Margaret Carr. In deren Konzept verwendet man nicht den defizitären Blick auf das Kind, sondern beobachtet seine Talente, Entwicklungsschritte und Erfolge im täglichen Miteinander.

Die sogenannten „10-Minuten-Beobachtungen“ und die daraus folgenden Beschreibungen und Diskussionen verfolgen das Ziel, die individuellen Bildungs- und Lernprozesse des Kindes sichtbar zu machen. Durch aufbauende Reize kann man den Bildungs- und Lernprozess unterstützen. Hier ist der Austausch sowohl mit dem Kind, den Eltern und den Kollegen essentiell.

Parameter für einen Portfolio-Ordner:

  • Der Entwicklungsstand der Kinder muss erkennbar sein.
  • Der individuelle Ordner dient als Grundlage für Entwicklungsgespräche.
  • Handeln Sie ressourcenorientiert, dies betrifft sowohl die Zeit als auch das Material.
  • Der Portfolio-Ordner sollte immer situationsorientiert eingesetzt werden (erzwungene oder gestellte Situationen spiegeln nicht den tatsächlichen und natürlichen Entwicklungsschritt wider).
  • Überlegen Sie sich ein einheitliches Konzept (der berühmte „rote Faden“ sollte durch alle Gruppen erkennbar sein).
  • Der Portfolio-Ordner ist stets Eigentum des Kindes. Wenn sie daran arbeiten möchten, fragen Sie das Kind um Erlaubnis. Somit ist es ausschlaggebend, dass der Ordner dem Kind jederzeit zur Verfügung steht.
  • Arbeiten sie nachhaltig mit dem Ordner.
  • Überlegen Sie sich immer die Fragestellung: „Was bedeutet der Ordner für das Kind?“

Aus Beobachtungen werden Lerngeschichten

Nach mehreren Beobachtungen folgt auch immer eine Lerngeschichte. Hierbei werden die Entwicklungsfortschritte in einem persönlichen und emotionalen Brief zusammengefasst.

 

Beobachtung

Lerngeschichte

Aus einem Protokoll

wird eine Botschaft.

Qualität in der sprachlichen Differenziertheit und Präzision (sachlich ohne Interpretation)

Positive Emotion erzeugen mit einer engen Bindung zum Leser.

 

Dieser Brief verdeutlicht die Beziehungsebene und kann nach Absprache mit dem Kind, z.B. am Geburtstag, in der Gruppe vorgelesen werden. Somit schafft man eine Verbindung und stärkt das Selbstwertgefühl des Kindes. Auch während des Elterngesprächs ist die Lerngeschichte ein tolles Instrument, die Entwicklung des Kindes transparent zu machen. Gerne kann auch das Kind zum Gespräch hinzugebeten werden, um es ausschließlich für die Lerngeschichte mit ins Gespräch einzubeziehen.

Beobachtungsbögen – welches System passt für uns?

 Auf dem Markt gibt es eine Fülle an Beobachtungsbögen. Grundsätzlich sind dort Entwicklungsschritte einer Altersspanne zugeordnet. Meist markiert man den Entwicklungsschritt farblich mit dem momentanen Alter. Somit wird der Entwicklungsfortschritt oder das Defizit verdeutlicht. Hierbei gilt es klar abzuwägen, welches Instrument man in der Einrichtung einsetzten möchte. Denn auch Beobachtung 2.0 ist auf dem Vormarsch. Digitale Beobachtungs- und Dokumentationsbögen sind eine ressourcenschonende Alternative und bieten ein erweitertes Dokumentationspotenzial. Ausflugfotos müssen nicht mehr für jedes Kind einzeln gedruckt und abgeheftet werden, sondern können automatisch mit dem Ausflugbericht und den teilnehmenden Kindern verknüpft werden. Auch Audioaufnahmen (endlich kann man die Sprachentwicklung auch dokumentieren) sind mit Kinderaussagen oder dem Lieblingslied kombinierbar. Videoaufnahmen können direkt im Ordner - zum Beispiel spontan während einer Turnstunde - aufgenommen und gespeichert werden. Viele weitere Anwendungen sind möglich.  

Man muss nicht jeden Fehler selbst machen

Es wird immer Vor- und Nachteile für eine bestimmte Beobachtungs- und Dokumentationsmethode geben. Wichtig ist daher, sich im Team auszutauschen, Bögen zu vergleichen und intensiv auf die Praxistauglichkeit zu testen. Es ist ein spannender Markt, der jedes Jahr neue Erkenntnisse und Anregungen bereithält.

In Anbetracht des aktuellen Fachkräftemangels und der fehlenden zeitlichen Ressourcen, kann sich die Investition in eine Teamfortbildung lohnen. Mit der Unterstützung einer Expertin oder eines Experten kommt man deutlich schneller voran und spart sich ein gutes Stück des Weges. Es ist ja nicht zwingend notwendig, immer jeden Fehler auch noch selbst machen zu müssen.  Man kann auch einfach mal von den Erfahrungen anderer profitieren!

„Nimm ein Kind an die Hand und lass dich von ihm führen.
Betrachte die Steine, die es aufhebt und höre zu, was es dir
erzählt. Zur Belohnung zeigt es dir eine Welt, die du
längst vergessen hast.“

(Autor*in unbekannt)

Onlineseminar: Das A-Z der Beobachtungs- und Entwicklungsbögen

In unserem Online-Live-Seminar analysieren wir gemeinsam und anhand von bestimmten Kriterien unterschiedliche Beobachtungs- und Entwicklungsbögen. Darüber hinaus schauen uns die gesetzlichen Grundlagen hierzu an.

Die Inhalte:

  • Pädagogische Haltung und Beobachtungssysteme
  • Zeitlicher und wirtschaftlicher Rahmen
  • Analyse verschiedener Entwicklungsbögen
  • Portfolio - Bedeutung und Umsetzung für und mit dem Kind

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