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Pädagogik & Psychologie
Trocken werden ohne Druck - Beziehungserfahrungen auf dem Wickeltisch
Foto von Pixabay: Neelam279
Wie Sprache, Routine und Beziehung Kinder auf dem Weg zur Ausscheidungsautonomie stärken
Mia, 2,5 Jahre alt, sitzt zum ersten Mal auf dem kleinen Töpfchen. Sie schaut ihre Erzieherin stolz an und ruft: „Pipi gemacht!“ Die Fachkraft lächelt: „Das hast du toll gemacht, Mia!“ Gemeinsam leeren sie das Töpfchen und Mia hüpft zufrieden davon. Ein kleiner Moment im Krippenalltag und für das Kind ein wichtiger Schritt Richtung Selbstständigkeit.
Trockenwerden ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit und Geduld braucht. Die Aufgabe der Erwachsenen besteht nicht nur darin, Töpfchen oder Toilette bereitzustellen. Entscheidend ist, wie wir Kinder begleiten. Ein zentraler Ort dafür ist der Wickeltisch: Hier erlebt das Kind immer wieder Nähe, Körperkontakt, Sprache und Verlässlichkeit. Genau diese wiederkehrenden Pflegesituationen können den Weg zur Ausscheidungsautonomie unterstützen.
Wenn Sie das Thema „Sprache im Alltag“ vertiefen möchten, lesen Sie mehr in unserem Blogartikel
Fünf sprachliche „Anker“ für hochwertige Pflege
1. Ankündigen
Sagen Sie dem Kind, was gleich passiert: „Ich wechsle jetzt deine Windel.“ Das gibt Sicherheit und hilft, sich innerlich einzustellen.
Wichtig: Nach der Ankündigung kurz warten. Ein schneller Übergang ohne Vorwarnung kann verunsichern.
2. Benennen
Sprechen Sie während der Pflege aus, was Sie tun und was Sie wahrnehmen: „Ich öffne jetzt deine Windel“ oder „Deine Haut ist heute ganz warm.“ Das stärkt Sprachverständnis und Orientierung.
3. Signale des Kindes in Worte fassen
Kinder zeigen über Blick, Mimik, Geräusche oder Bewegungen, wie es ihnen geht. Greifen Sie diese Signale auf: „Ich sehe, du schaust nach unten. Das fühlt sich vielleicht kurz kühl an.“ Oder: „Du lachst. Dir gefällt, dass wir hier zusammen sind.“ Das Gefühl, verstanden zu werden, stärkt Beziehung und Kooperation.
4. Um Hilfe bitten
Beziehen Sie das Kind ein: „Kannst du dein Bein anheben?“ oder „Magst du die Feuchttücher halten?“ So entsteht Selbstwirksamkeit.
Wichtig: Lassen Sie Zeit zum Verstehen und Reagieren und würdigen Sie jede Form von Antwort. Ein wiederkehrender Ablauf bietet Sicherheit: Kinder lernen durch Wiederholung und fühlen sich wohler, wenn sie wissen, was als Nächstes kommt. Routine schafft Vertrauen und erleichtert Beteiligung.
5. Persönliches ansprechen
Nutzen Sie den Moment für Beziehung: „Ich habe dich vorhin mit Max spielen sehen. Hat euch das Spaß gemacht?“ Das zeigt dem Kind: „Ich werde gesehen“, auch jenseits der Pflegesituation.
Ausscheidungsautonomie statt Sauberkeitserziehung
Der Begriff „Sauberkeitserziehung“ gilt mittlerweile als überholt und wird immer weniger verwendet. Fachlich spricht man heute eher von der Begleitung auf dem Weg zur Ausscheidungsautonomie, weil dieser Schritt Reifung und innere Bereitschaft braucht.
Die Voraussetzung für die Ausscheidungsautonomie ist die Kontrolle über die Schließmuskeln von Darm und Blase. Dieses Zentrum im Frontalhirn reift meist um das dritte Lebensjahr herum. Vor diesem Zeitpunkt ist es möglich, Kinder durch Konditionierung an den Topf zu gewöhnen, jedoch ohne tatsächliche Schließmuskelkontrolle.
Neben der körperlichen Reifung ist auch die seelische Bereitschaft von entscheidender Bedeutung: Das Kind muss lernen, den Komfort der Windel aufzugeben, in der es jederzeit seinen Bedürfnissen nachgeben konnte und sich stattdessen aktiv mit seinem Körper auseinanderzusetzen. Dies erfordert Willensstärke und den Wunsch, wie die Erwachsenen zu sein. Daher ist eine gute Beziehung zum Vorbild entscheidend – vor jeder Erziehung steht also auch hier wieder die Beziehung.
Studien besagen, dass Kinder, die den Topf nutzen, ein gewisses Maß an Selbstentwicklung erreicht haben. Sie beherrschen die Verwendung der ersten Person Singular („ich“, „mich“, „mein“) und erkennen ihre eigenen Bedürfnisse bewusst.
Die natürliche Reihenfolge ist: Das Kind bemerkt sein Bedürfnis, hält kurz inne und sucht von sich aus den passenden Ort auf. Das ist hilfreich, weil es Selbstwahrnehmung und Selbstständigkeit stärkt.
Weniger hilfreich ist der häufige Gegenentwurf: Erwachsene schlagen den Topf „nach Plan“ vor, setzen das Kind darauf und bewerten anschließend das Ergebnis. Dabei wird der Prozess leicht von außen gesteuert – und das Kind folgt eher als dass es selbst initiiert.
Mehr im Bereich Bindung und Beziehung finden Sie im Blogatikel: Eingewöhnung U3 oder hier
Praxistipp
Wie der Abschied von der von der Windel leichter wird
- Wickeln im Stehen
Sobald das Kind sicher stehen kann, sollte es im Stehen gewickelt werden. Dies erleichtert den Übergang zum selbstständigen Toilettengang, da das Kind bereits aktiv in den Prozess eingebunden wird. - Klare Worte verwenden
Sprechen Sie mit dem Kind über das, was in der Windel passiert. Benutzen Sie einfache Begriffe wie „Pipi“ oder „Kacka“ und erklären Sie den Vorgang. So lernt das Kind, die Körpervorgänge bewusst wahrzunehmen. - Das Töpfchen spielerisch einführen
Stellen Sie das Töpfchen als etwas Positives vor. Lassen Sie das Kind es erkunden, ohne es zu zwingen, sich daraufzusetzen. Bücher oder kleine Puppen, die ebenfalls „aufs Töpfchen gehen“, können helfen, Interesse zu wecken. - Einfache Kleidung
Verwenden Sie Kleidung, die das Kind leicht selbst an- und ausziehen kann, wie Hosen mit Gummizug. Dies fördert die Selbstständigkeit und reduziert Frustration. - Sanft erinnern
Fragen Sie nicht ständig, ob das Kind zur Toilette muss. Erinnern Sie es lieber vor Übergängen, wie vor dem Schlafen oder Hinausgehen. - Nachahmung fördern
Kinder lernen durch Beobachten. Sagen Sie z. B.: „Ich gehe jetzt auf die Toilette.“ Dies hilft, den Prozess als natürlich zu verstehen. - Wohlfühlfaktor schaffen
Sorgen Sie dafür, dass sich das Kind sicher und wohl fühlt – z. B. durch ein stabiles Töpfchen oder eine Toilette mit kindgerechtem Aufsatz. - Geduld und Gelassenheit
Lassen Sie das Kind in seinem Tempo lernen. Freuen Sie sich gemeinsam über Erfolge, aber machen Sie keinen Druck, wenn es mal nicht klappt. Jeder Schritt zählt!
Das Trockenwerden dauert im Durchschnitt 9,3 Monate. Dabei geht es nicht um schnelle Erfolge, sondern um Geduld, Einfühlungsvermögen und Vertrauen. Jeder Schritt, ob mit oder ohne „Ergebnis“, ist ein großer Fortschritt – für das Kind und seine wachsende Unabhängigkeit.
„Beobachte! Lerne dein Kind kennen!“
Emmi Pikler
FAQ
Wie gehe ich in der Krippe mit „Unfällen“ um, ohne das Kind zu beschämen?
Kurze, ruhige Rückmeldung („Das kann passieren“), sachlich helfen, umziehen, weiter im Alltag bleiben. Wichtig: Keine ironischen Kommentare, kein Vergleich mit anderen Kindern, kein „Jetzt aber!“. Im Team hilft eine gemeinsame Sprachregelung, damit alle ähnlich reagieren.
Wie organisiere ich Trockenwerden im Gruppenkontext, wenn mehrere Kinder gleichzeitig so weit sind?
Ein planbarer Rahmen hilft: feste Erinnerungsanlässe (Übergänge), klare Zuständigkeiten, erreichbare Ausstattung (Töpfchen/Kindertoilette, Wechselwäsche), und ein kurzes Team-Abstimmen: Wer begleitet wen, wie dokumentieren wir, was kommunizieren wir an Eltern. So bleibt es alltagstauglich und fair.
Was sage ich Eltern, die „schnell trocken“ erwarten oder Druck machen?
Wertschätzend spiegeln („Ich verstehe, dass Sie sich das wünschen“), dann Orientierung geben: Reifung + Bereitschaft + Beziehung. Konkrete Vereinbarungen helfen: gleiche Begriffe, gleiche Rituale, keine Strafen, realistische Zwischenziele. Und: Erfolge würdigen, ohne Leistung daraus zu machen.
Online-Live-Seminar
Liebevolle Begleitung: Trockenwerden ohne Stress
Beziehungserfahrung auf dem Wickeltisch und der Abschied von der Windel
Ein wesentlicher Seminarinhalt sind die wichtigen Meilensteine des Trockenwerdens. Wir werden diskutieren, was wir von Kindern voraussetzen können, was realistische Erwartungen sind und wann es wichtig ist, geduldig abzuwarten. Der Kurs wird abgerundet durch praktische Tipps und unterstützende Maßnahmen, um Kinder auf ihrem Weg zum Trockenwerden liebevoll zu begleiten.
- Die Kunst der Beziehung auf dem Wickeltisch
- Pflegesituation: Von hektischer Routine zu entspannter Bindungszeit
- Von der Windel zum Töpfchen
- Strategien und Methoden für den Abschied von der Windel
- Fallbeispiele und Erfahrungsaustausch
Seminarzeiten:
Das Seminar besteht aus einem Termin:
21.04.2026; von 09:00 - 12:00 Uhr & 13:00 - 16:00 Uhr





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