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Berufsrolle & Persönlichkeitsentwicklung

Ich bin mein Lieblingsmensch

Ich bin mein Lieblingsmensch

Selfcare: Mehr als ein Trend!

Können Sie Leonie bitte nach einer halben Stunde wecken? Die schläft mir sonst heute Abend wieder nicht ein.“ Mit diesem Worten wird Marta heute konfrontiert. „Äh ja, ähhh, das verstehe ich natürlich – ja, kann…kann ich machen, kein Problem“, stottert sie etwas verunsichert. Marta ist leidenschaftliche Erzieherin in der Nestgruppe. Sie ist beliebt bei den Kolleg*innen, den Kindern und auch bei vielen Eltern. Warum ist Marta so verunsichert? Sie steckt in einem Dilemma. Da gibt es die klare Vorgabe der Leitung: „Das Schlafbedürfnis der Kinder geht vor!“ Eigentlich unterstützt sie diese Haltung auch, aber sie hat selbst Kinder und kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als Ihre Kinder klein waren. Das Bedürfnis der Mutter kann Sie daher sehr gut nachempfinden. „Und was ist eigentlich mit der Kleinen? Soll ich Sie wirklich wecken, wenn sie fest schläft?“, geht Marta durch den Kopf. Sie ist hin- und hergerissen, wem sie es recht machen soll.

Selfcare bedeutet auch, mit einem guten Gefühl „Nein“ sagen zu können

Martas Haltung, es allen gleichermaßen recht machen zu wollen, ist zwar zunächst einmal anerkennenswert, die Wirkung allerding ist auf Dauer eher destruktiv für sie selbst. Was Sie bräuchte, wäre eine Portion Egoismus – um ihrer selbst willen! Legitime Fragen, die sie sich stellen könnte, wären: „Was bedeutet es eigentlich für MICH persönlich, wenn ich Leonie nach einer halben Stunde wecke? Habe ICH dann vielleicht ein quengelndes Kind?“

Gerade in sozialen Berufen finden sich häufig Menschen die mit einem „Mach-es-allen-Recht-Antreiber“ durchs Leben gehen. In ihrem Wertesystem sind sie nur dann in Ordnung, wenn Sie verstärkt bis aufopfernd für andere da sind. Dabei vergessen Sie sich selbst, gehen zu oft über ihre eigenen Grenzen hinweg und merken das erst, wenn es eigentlich zu spät ist. Sie sind komplett erschöpft und unzufrieden, denn einmal mehr konnten Sie sich in einer bestimmten Situation nicht empathisch abgrenzen. Sie haben nicht gelernt, mit einem guten Gefühl „Nein“ zu sagen.

Wer sich zu wichtig nimmt, ist in der Tat egoistisch bis narzisstisch. Wer sich jedoch selbstmitfühlend so annehmen kann, wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen, wer eine Fehlerkultur in sein Gedankensystem implementiert, der lebt und handelt nach einem gesunden Egoismus: Das ist Selfcare.

Schon Eric Fromm wusste, dass die Menschen, die sich selbst nicht mögen bzw. lieben, keine „reife (Selbst)Liebe“ entwickelt haben. Sie kompensieren dies mit negativen Gedankenstrategien und Verhaltensmustern, die für das Zusammenleben nicht unbedingt zuträglich sind. Konflikte sind demnach vorprogrammiert.

Wer mit sich selbst milder und freundlicher ist, ist es auch mit anderen

Selbstmitgefühl setzt sich aus drei wichtigen Komponenten zusammen:

  • Selbstfreundschaft
  • Achtsamkeit und
  • Mitmenschlichkeit

Ohne die wichtige dritte Komponente würden wir tatsächlich viel öfter zu egoistisch reagieren. Doch mit der wichtigen dritten Komponente „Mitmenschlichkeit“ befinden sich die Menschen wieder schneller im notwendigen Mittelwert zwischen entgegengesetzten Werten.

Wenn ich mein Lieblingsmensch bin, hat auch der andere neben mir Platz und darf sein eigener Lieblingsmensch sein. Genau diese Kompetenzen und Qualitäten zu entwickeln, braucht Bewusstsein, Gedankenstretching und Trainingswillen. Wir erlauben uns oft keine Selbstmilde und gehen viel zu kritisch mit uns selbst um. So landen wir in unserer eigenen Wertefalle. Kristin Neff schreibt in Ihrem Buch „Selbstmitgefühl“, dass viele Menschen ungnädig und viel zu hart mit sich selbst umgehen. Wer jedoch mit sich selbst milder und freundlicher ist, ist es auch mit anderen. Er sieht auch seine Stärken und kann mit Fehlern konstruktiv umgehen.

Was passiert, wenn wir unser Mitgefühlssystem trainieren?

  • Wir sind glücklicher und zufriedener ...
  • vitaler, psychisch und körperlich gesünder ...
  • empathischer und unterstützender, ohne zu leiden ... wir umarmen mehr!
  • Entwickeln wir die Fähigkeit, den Schmerz anderer durch Mitgefühl zu spüren, kann das den Stresspegel senken. Wir haben mehr Klarheit und sind weniger persönlich verletzt.

Machen Sie es sich zur Gewohnheit, über das Selfcare-Thema zu reden. Denn Lieblingsmensch zu sein, ist fair, macht frei, empathisch und mitfühlend zugleich. Da wir per se wertvoll sind, gibt es keinen einzigen Grund, uns das nicht zuzugestehen. Jeder kann lernen, seinen eigenen Wert im Selbstmitgefühl wieder zu entdecken und zu spüren.

„Legen Sie die Sicherheitsgurte an und stellen Sie das Rauchen ein!“

Ältere Semester kennen diese Durchsage noch von früheren Flugreisen. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass früher im Flugzeug geraucht wurde. Was sich aber nicht geändert hat, ist die folgende Sicherheitsunterweisung:

„Ziehen Sie die Maske ganz zu sich heran und drücken Sie sie fest auf Mund und Nase. Atmen Sie normal weiter. Helfen Sie danach Kindern und hilfsbedürftigen Menschen."

Der erste Impuls, den Eltern meist haben, ist es, Ihre Kinder zuerst zu retten, selbst wenn sie es mit dem eigenen Leben bezahlen müssten. Allerdings ist das der falsche Ansatz. Bei einem plötzlichen Druckverlust in einem Flugzeug, wird man binnen 18 Sekunden bewusstlos. In diesem Fall ist es notwendig zuerst an sich selbst zu denken. Nur wenn ich selbst bei Bewusstsein bin, kann ich anderen auch helfen.

Folgendes Zitat bringt es noch einmal sehr pragmatisch auf den Punkt:

Je besser man mit sich selbst

lebt, desto besser kann man

sich um andere kümmern.

Karl Lagerfeld

Onlineseminar: Ich bin mein Lieblingsmensch

In unserem Online-Live-Seminar beschäftigen wir uns weiterführend damit, welche Rollenklischees im Pädagogischen Alltag vorherrschen und wie wir klug damit umgehen können.

Die Inhalte:

  • Analyse der Rollenklischees
  • Reflexion der eigenen Haltung
  • Auswirkungen auf die Kinder
  • Geschlechtersensible Sprache
  • Geschlechtersensibler Umgang in der Kita
  • Handlungsideen für die Praxis

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