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Pädagogik & Psychologie

Geschlechtersensible Haltung in der Kita

Geschlechtersensible Haltung in der Kita

„Mädchen sind keine Ritter, die können nicht kämpfen.“

Tim, Amir, Louis und Arthur spielen auf dem Klettergerüst des Kita-Außengeländes „Ritterburg“. Sie sind mit Holz-Schwertern und Schildern bewaffnet und tragen Helme auf dem Kopf, die einen Teil ihrer Ritterrüstung darstellen. Tim und Amir stürmen aus dem Gebüsch auf das Klettergerüst zu und wollen die „Burg“ erobern.
Mina beobachtet das Ganze einen Moment mit großen Augen, läuft dann schnell zur Spielkiste und schnappt sich ebenfalls ein Holz-Schwert. Sie kommt genau wie Tim und Amir mit ihrem Schwert Richtung Klettergerüst gerannt und zeigt mit einer gespielten Drohgeste, dass sie in Begriff ist, ebenfalls die „Burg“ zu erobern.
Louis, der als Späher ganz oben auf dem Klettergerüst steht, sieht das und ruft: „Mina geh weg, du darfst nicht mitspielen. Mädchen sind keine Ritter, die können nicht kämpfen.“

Kennen Sie Situationen wie diese? Wie gehen Sie für gewöhnlich damit um?

Die Geschlechterverhältnisse und typischen Rollenklischees sind im Kita-Alltag häufig sehr präsent, selbst wenn das auf den ersten Blick gar nicht ersichtlich ist.

Manche Fachkräfte reagieren darauf überhaupt nicht oder nur halbherzig. Nicht etwa, weil es ihnen gleichgültig wäre – nein vielmehr weil die Geschlechterverhältnisse zuweilen zu wenig reflektiert und als „natürlich“ eingestuft werden. Schließlich wurden die Erzieher*innen in ihrer eigenen Entwicklung in der Regel anhand dieser Geschlechterstereotypen sozialisiert.

Auf das durchaus emotionale Thema „Gendersensibles Arbeiten“ angesprochen reagieren die Fachkräfte häufig auf zweierlei Art:

  • „Sollen die Jungs jetzt alle Kleider anziehen und die Mädchen zum Fußball gezwungen werden? Jungs und Mädchen sind eben unterschiedlich, da brauchen wir jetzt auch nichts künstlich dramatisieren.“

oder

  • „Das ist doch selbstverständlich, natürlich können in unserer Einrichtung alle Kinder das spielen, was sie möchten. Bei uns ist die Chancengleichheit im Leitbild verankert und die setzten wir auch so um.“

So oder so müssen wir uns der Frage stellen, welchem Ziel diese geschlechtersensible Haltung eigentlich überhaupt dienen soll.

Die Kinder entwickeln ein starkes und unabhängiges Ich-Gefühl

Die Bedeutung Kinder darin zu fördern, sich zu selbstbestimmten und eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln zu können, ist schon daran abzulesen, dass dies vom Gesetzgeber vorgegeben ist. Durch die geschlechtersensible Haltung der Erzieher*innen und die daraus folgende geschlechtersensible Arbeit, erfahren die Kinder neue Handlungsmöglichkeiten. Unabhängig von ihrer geschlechtlichen Zuordnung und den damit verbundenen Stereotypen, bekommen sie die Möglichkeit, sich frei zu entwickeln. Durch eine sensible Behandlung des Themas und durch geschaffene Räume im pädagogischen Alltag können sie ihre Identität, ihre Interessen und ihre Potentiale entdecken, entfalten und ausleben. Die Kinder entwickeln ein starkes und unabhängiges Ich-Gefühl und wachsen zu selbstbestimmten und eigenständigen Persönlichkeiten heran.

Kinder, die bereits in jungen Jahren ein Verständnis des Vielfalt-Begriffes bekommen, tragen am Ende zu mehr Gleichberechtigung und mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft bei.

Erzieher*innen profitieren von der Auseinandersetzung mit dem Thema

Durch die Auseinandersetzung mit einer geschlechtersensiblen Pädagogik erwerben die Fachkräfte automatisch Fachwissen, das ihre Handlungskompetenzen für den pädagogischen Alltag erweitert. Sie lernen sich selbst und ihre Verhaltensmuster noch einmal anders kennen und erweitern ihren Horizont durch das tiefe Verständnis der eigenen Erfahrungen. Diese Selbstreflexion ist sehr wertvoll und fördert unweigerlich die persönliche Weiterentwicklung, was den Fachkräften auch in ihrem Privatleben zugutekommen kann.

Kinder und Geschlechterstereotype

Kinder können ab ihrem dritten Lebensjahr sich selbst und ihre Mitmenschen einem Geschlecht zuordnen. Orientierung finden sie dabei an dem, was sie in ihrer Umwelt wahrnehmen und welche Informationen Sie über geschlechtlichen Zuschreibungen, Ordnungen, Vorteile und Einschränkungen vorgelebt bekommen.

„Papas kochen besser als Mamas“ erzählt Mina in der Kita, „Das ist doch Quatsch! MEIN Papa ist niiieee in der Küche“ entgegnet Paul. Oskar setzt noch eins drauf: „Mamas kochen und Papas fahren Motorrad, so ist das nämlich“. Mit der Aussage findet er bei weiteren Kindern Zustimmung, die wahrscheinlich genau dieses Rollenbild zuhause täglich erleben. Mina fühlt sich klein, wird still und hält sich mit Ihren Aussagen in Zukunft zurück. Ihre Wahrheit scheint wohl falsch zu sein.

Durch diesen Austausch unter den Kindern entstehen Werte, die Geschlechterrollen werden geprägt oder verfestigt – die Kinder beginnen vielleicht sogar sich diesbezüglich gegenseitig zu kritisieren. Minas Lust aufs „Ritterdasein“ passt nicht in die erlernte Geschlechterordnung, die in diesem Alter beginnt und meist ein Leben lang anhält – sofern sie von den Erwachsenen nicht aufgegriffen und hinterfragt wird.

Muss jetzt jede Interaktion untern den Kindern hinterfragt werden?

Natürlich müssen die Kinder nicht ständig kontrolliert werden, ob sie sich auch „korrekt“ verhalten, das wäre völlig falsch. Aber eine gewisse Sensibilität und pädagogisches Fingerspitzengefühl ist angebracht und notwendig. Die Praxis der Geschlechtersensibilität erfahren Kinder bereits in der Haltung und der Sprache der Fachkräfte, in der Gestaltung und Bezeichnung der Räumlichkeiten und der spielerischen und pädagogischen Inhalte.
Sie erfordert demnach eine aktive Initiierung und Begleitung der Erzieher*innen, was Reflexion, Weiterbildung und Veränderungsideen voraussetzt.

Keine Verhaltensänderung ohne Haltungsänderung

Geschlechtersensible Haltung in der Kita kann man nicht einfach verordnen und man kann nicht davon ausgehen, dass Sie durch Verankerung in der Konzeption gelebt wird. Viel zu tief wurzelt die eigene Haltung in jeder einzelnen Persönlichkeit. Der Weg dorthin ist der Prozess einer jeden einzelnen Fachkraft und gleichzeitig ein Teamprozess.

 

Dabei gilt es insbesondere diejenigen Situationen in den „geschlechtersensiblen“ Blick zu nehmen, die den Kita-Alltag ausmachen und im Team darüber zu diskutieren.

Die eigene Haltung und geschlechterbezogene Erfahrungen, Vorurteile und Erwartungen sollten hinterfragt und mit den Kolleg*innen ausgetauscht werden. So finden die Fachkräfte einen Zugang zum Thema und erarbeiten sich gemeinsam eine Grundlage für die zukünftige inhaltliche Arbeit.

Der erste Schritt zu einer Verhaltensänderung, die sich insbesondere in der Sprache ausdrückt, ist also die Veränderung der eigenen Haltung. Für deren Überprüfung wiederum ist Selbstreflexion notwendig.

Wie tickt das Team, wie ticke ich?

Die eigene Haltung zeigt sich, wenn wir unser Denken, Werten, Sprechen und Handeln im (Kita)-Alltag hinterfragen. Die Welt der Zweigeschlechtlichkeit ist - wenn auch nicht immer deutlich sichtbar - allgegenwärtig, so dass es bereits für Kinder kaum möglich ist, sich unabhängig von den Geschlechterzuschreibungen zu entwickeln. Sie werden, wenn auch unbewusst, immer wieder auf ihre Geschlechterzugehörigkeit stigmatisiert, sofern die Fachkräfte nicht aktiv dagegen arbeiten

Einige beispielhafte Reflexionsfragen:

  • Der Vater eines Kindes ist „Hausmann“ und die Frau geht voll arbeiten:
    Löst das in uns andere Assoziationen aus, als bei der umgekehrten Konstellation?
  • Rufen wir den männlichen Kollegen, wenn es etwas zu reparieren gibt?
  • Sind nur die Kolleginnen fürs Basteln zuständig?
  • Mit welchen Geschlechterstereotypen bin ich selbst aufgewachsen?
  • Welche Erwartungen an die Kinder resultieren daraus?
  • In welchen Situationen behandle ich Mädchen und Jungen unterschiedlich?
  • Wie würde ich reagieren, wenn Leo im Kleid in die Kita kommt?
  • Wie stehe ich im Privaten zu den Rollenklischees?

Bei der Beantwortung solcher Fragen sollten wir den Mut aufbringen, ehrlich zu uns selbst zu sein. Nur so haben wir die die Möglichkeit, uns weiter zu entwickeln und den Kindern die Vielfalt der Menschlichkeit zu vermitteln.

Praxistipp

Eine Handpuppe bricht Rollenklischees auf

Es gibt es einige spielerische Übungen, um Kinder zum Thema Rollenklischees zu sensibilisieren. Hier ein Beispiel:

Suchen Sie sich eine Handpuppe aus und erzählen Sie den Kindern beispielsweise die Geschichte von einem außerirdischen Wesen, das zum ersten Mal auf die Erde kommt und die Menschheit überhaupt nicht kennt. Das Wesen besucht Ihre Kita und stellt den Kindern Fragen:

  • Wie erkennt man, ob ein Kind ein Mädchen oder ein Junge ist?
  • Gibt es Kleidung, die Mädchen/ Jungen nicht anziehen dürfen?
  • Gibt es Spiele, die Mädchen/Jungen nicht spielen dürfen/können?
  • Gibt es Sachen, die Jungen/Mädchen gar nicht mögen?
  • Gibt es etwas, das Mädchen besser können als Jungen?
  • Gibt es etwas, das Jungen besser können als Mädchen?
  • Was können Mädchen und Jungen gleich gut?

Da das außerirdische Wesen absolut vorurteilsfrei ist und selbst über kein Geschlecht verfügt, kann es sich gar nicht vorstellen, dass Mädchen und Jungen so verschieden sein sollen. Es erklärt den Kindern, was es bei seinem Besuch auf der Erde beobachtet hat.

Die abschließenden Worte des „Außerirdischen“ könnten wie folgt lauten:

„Es ist ja interessant, was ihr mir da berichtet! Ich bin mir sicher, es gibt Mädchen, die gerne rennen und toben und genau so gibt es Jungs, die gerne mit Puppen spielen, oder was meint Ihr? Ich finde es schön, wenn alle einfach machen dürfen, was sie wollen und immer überall mitspielen können.“

Und schon ist das Wesen wieder auf dem Sprung in sein Raumschiff und macht sich auf die Heimreise zu seinem Planeten.

Geschlechtersensible Materialien und Spielzeuge

Neben der eigenen Haltung sollte auch die pädagogische Praxis in der Einrichtung im Hinblick auf die Geschlechtersensibiliät hinterfragt werden. Es geht darum zu erkennen, wann Geschlechterverhältnisse vorgegeben und reproduziert werden, wo sich Kinder frei entwickeln können und wo sie möglicherweise in ihrem Denken eingeschränkt werden.
Ein Klassiker ist z.B. die Bezeichnung „Puppenecke“, die Jungs eventuell allein vom Namen her abschreckt und deshalb beispielsweise in „Wohnzimmer“ umbenannt werden könnte.

Weiterhin können Spielzeuge und Bilderbücher auf traditionelle Geschlechterrollen untersucht werden. Häufig findet man die starken und mutigen Männerrollen und die schwachen und schönen Frauenrollen. Dazu kommen beispielsweise böse Stiefmütter etc. Die Kinder lieben diese Geschichten und orientieren sich an den Geschlechterrollen. Einem Jungen, der sich gerne mit Superhelden identifiziert, fehlen neben den vielen positiven Eigenschaften jedoch häufig die sozial-emotionalen Komponenten. Und Mädchen, die gerne Prinzessinnen sein möchten, entwickeln eventuell ein eingeschränktes Selbstbild, weil z.B. das Vertrauen in die eigene Handlungskompetenz fehlt. Diese Bücher müssen deshalb nicht zwangsläufig entsorgt werden, wichtig ist es aber, sich über ihre Wirkung bewusst zu werden und dies zum Thema zu machen:

Die Geschichten könnten z.B. gemeinsam umgeschrieben werden, so dass neue Zuschreibungen entstehen. Oder man sucht nach Erzählungen, in denen die Zuschreibungen  bewusst anders gewählt werden, weil Mädchen z.B. ganz besonders mutig sind oder Jungs ihre schüchtern-sensible Seite kennenlernen lassen. Dadurch wird das geschlechterbezogene Handlungsspektrum automatisch erweitert.

Kita, Krippe und Hort sind wunderbare Orte der Vielfalt. Dort sollten wir den Kindern alle Möglichkeiten bieten, um aus dem Vollen zu schöpfen, ohne sie durch allzu limitierende Geschlechterstereotypen einzuschränken! Auch im Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist diese Denkweise doch wertvoll:  Wir alle profitieren von kreativen, engagierten und für Ihren Beruf brennenden Tischlerinnen, Arzthelfern, Mechatronikerinnen und Erziehern!

In diesem Sinne schrieb Torsten Marold, ein deutscher Spieleautor:

"Die meisten Talente entwickeln sich am Ort der größten Vielfalt."

Online-Live-Seminar: Geschlechtersensible Haltung

In unserem Online-Live-Seminar beschäftigen wir uns weiterführend damit, welche Rollenklischees im Pädagogischen Alltag vorherrschen und wie wir klug damit umgehen können.

Die Inhalte:

  • Analyse der Rollenklischees
  • Reflexion der eigenen Haltung
  • Auswirkungen auf die Kinder
  • Geschlechtersensible Sprache
  • Geschlechtersensibler Umgang in der Kita
  • Handlungsideen für die Praxis

zum Online-Live-Seminar

 

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