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Pädagogik & Psychologie

Du gehörst zu mir und ich gehör zu dir!

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Die Bedeutung von (Ver)Bindung für Lernen und Entwicklung

Das Geschrei und der Protest ebben nicht ab und Frau Müller stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Emilys Kopf ist hochrot. War es wirklich die richtige Entscheidung, sie hier in die Betreuung zu geben und wieder arbeiten zu gehen? Frau Müller wird unsicher. Als ob die Erzieherin ihre Gedanken lesen könnte, nickt sie ihr zu, wendet sich an Emily und sagt: „Die Mama muss jetzt arbeiten, aber sie kommt gleich danach wieder. Sollen wir in der Zeit zusammen etwas malen?“ Jetzt hat auch Frau Müller zu ihrer eigenen Sicherheit zurück gefunden und ergänzt: „Oh, es wäre schön, wenn du mir ein Bild malen könntest. Das können wir dann an den neuen Kühlschrank hängen.“

Emily beruhigt sich langsam. Zögerlich schaut sie zur Mutter und dann zur Erzieherin. Sie malt gerne. Und am Maltisch sitzt auch schon Mathilde, ihre Freundin. Frau Müller ergänzt: „Und wenn ich jetzt gehe, dann bin ich auch umso schneller wieder da.“ Emily nickt langsam. Und kuschelt sich noch einmal fest an die Mama. „Aber winken!“, sagt sie dann. „Na klar, das machen wir! Ich wünsche dir ganz viel Spaß und winke dir gleich nochmal vom Gehweg aus“, sagt Frau Müller und gibt Emily einen Kuss. Emily ergreift die Hand der Erzieherin und sie gehen zum Fenster während Frau Müller erleichtert die Kita verlässt.
Die Frage, ob sich Kleinstkinder selbst für die Betreuung in einer Tagesstätte entscheiden würden, ist sicher schwer zu beantworten. Ausgehend von Beobachtungen lässt sich jedoch festhalten: anfangs sicher nicht! Die Skepsis, die Kinder mitbringen, ist aber nicht unbedingt auf die Einrichtung als solche oder auf die vielen anderen Kinder zurückzuführen, sondern wohl allein auf die Trennung von Mutter und Vater.

Die Grundlage der (Ver)Bindung

Die Bereitwilligkeit, jahrelang und unter großer Anstrengung und Aufwendung an Energie und Zeit für seinen Nachwuchs zu sorgen, braucht ein solides biologisches Fundament. Diese Grundlage ist das Bindungsverhalten.

Das Angebot der Möglichkeiten des Beziehungsaufbaus von Seiten der Eltern zeigt sich
auf der Handlungsebene, die Taten der Mutter/des Vaters sprechen lässt (bestenfalls promptes und adäquates Reagieren auf Bedürfnisse des Kindes und Ausdruck der Verlässlichkeit), und darin, welche Bilder die Eltern haben, wie sie die Beziehung zum Kind gestalten möchten. Hier spielen eigene Erfahrungen der Eltern und Zukunftsideen mit ein.

Bei den Kindern entwickelt sich in den ersten drei Jahren eine Erwartungshaltung diesbezüglich. Sie bilden Ideen über die Verlässlichkeit ihrer Bezugsperson und übertragen die erfahrenen Beziehungsmuster auf andere Beziehungen.

Die Bindungstheorie

Das Grundanliegen der Bindungstheorie ist die Untersuchung der Qualität der frühen Mutter-Kind-Beziehung und der Nachweis ihrer Bedeutung für die spätere Entwicklung.
Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Kleinstkinder als Grundvoraussetzung, bevor sie soweit sind, sich in fremde Situationen zu begeben, erst Sicherheit und Vertrauen zu ihren Eltern aufbauen müssen. Nur diese Sicherheit kann ein Erlangen von Wissen, Fähigkeiten und verschiedenen Fertigkeiten garantieren, die es Heranwachsenden ermöglichen, sich von den Eltern abzulösen und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Die Untersuchungen zur Bindungstheorie begannen mit einer ausführlichen Beschreibung kindlicher Verhaltensweisen, die zur Verbindung von Mutter und Kind beitragen. Dabei zeigte sich, dass die Qualität der sich entwickelnden Bindung abhängig von der Verfügbarkeit der Eltern im Umgang mit dem Kind ist. Dies hat wesentliche Folgen für seine Persönlichkeitsentwicklung.

Durch einen Entwurf einer standardisierten Beobachtungssituation (dem sogenannten Fremde-Situation-Test) zur empirischen Untersuchung verschiedener Bindungstypen der Mutter-Kind-Beziehung, wurde die Theorie dann noch ergänzt.
Ainsworth et al. (1978) haben typische Reaktionen einjähriger Kinder auf einen zeitlich begrenzten Weggang der Mutter, die Kontaktaufnahme mit einem Fremden und die Rückkehr der Mutter nach der Trennung untersucht.

Es wurde darauf geachtet, wie sich das Kind in der ungewohnten Situation verhielt, sich mitzuteilen versuchte und wie es sich dann von der Mutter trösten ließ. So konnten Rückschlüsse auf die Bindungsmuster gezogen werden. Aus der Qualität dieser Beziehung kann man einige Vorhersagen treffen: So zeigen sicher gebundene Kinder später adäquateres und kontaktfreudigeres Sozialverhalten im Kindergarten. Sie sind phantasievoller beim Spiel, selbstsicherer und können sich länger konzentrieren als unsicher gebundene Kinder.

Eine sichere Beziehung schafft die Voraussetzung, auch anderen zu vertrauen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Sie schafft Sicherheit und somit Raum für Autonomie und ist die Basis für aktives Explorieren.

Diese Untersuchungen sind für die pädagogische Fachkraft von großer Bedeutung. Denn die Auswertungen der Reaktionen der Kinder auf die kurzen Trennungen von der Mutter, können wichtige Modellszenen liefern.

Trennung bedeutet Stress

Die bisherigen Bindungserfahrungen des Kindes und sein individuelles Temperament, spielen beim gezeigten Trennungsverhalten und dem Umgang mit Stress eine große Rolle.

Trennungsprotest und Trennungsstress müssen aber nicht zwangsläufig identisch sein. Daher sollten Erziehende stets darauf achten, dass sie Zeichen und Handlungen, wie z.B. Automanipulationen (Haare drehen, Finger in den Mund, etc.), die der eigenen Beruhigung dienen sollen, erkennt und den Kindern die Nähe und Sicherheit anbietet, die sie brauchen.

Entscheidend ist nicht nur WER GEHT, sondern auch, WER BLEIBT

Der/ Die ErzieherIn wird zur neuen zusätzlichen Bezugsperson. Bestenfalls fühlt sich das Kind in ihrer Nähe wohl und ist für es vertraut, verlässlich, voraussagbar und bietet ihm Schutz und Geborgenheit. Außerdem kennt sie die individuellen Eigenheiten und Bedürfnisse des Kindes und geht angemessen darauf ein. Sie ist dem Kind ein Vorbild und gestaltet seine Umwelt so, dass es ganz individuell in der Entwicklung gefördert werden kann.

Ohne Eltern geht es nicht

Eine gute Eingewöhnung kann nur zusammen mit einer der primären Bezugspersonen des Kindes gelingen, weil sie das Kind am besten einschätzen kann und sein vollstes Vertrauen genießt. Im Beisein des Elternteils kann der Übergang vollzogen und der/ die ErzieherIn als neue Sicherheitsgrundlage akzeptiert werden.Er/ Sie bietet sich dem Kind als Kontaktperson und AnsprechpartnerIn an und gewinnt mehr und mehr an Bedeutung, bis sich das Kind schließlich lösen kann.

Eingewöhnung = Lernchancen für das Kind

Wenn die Eingewöhnung gelingt, kann das Kind viele neue Fähigkeiten und Anpassungsleistungen erwerben:

• Lernen, Vertrauen aufzubauen und die Trennung auszuhalten
• Mit mehr Reizen fertig werden
• Mehr Dinge selbständig machen
• Lernen, sich zurecht zu finden
• Eine neue Tagesstruktur kennen lernen
• Umgang mit Ungewissheit, was in seiner Abwesenheit zu Hause passiert
• Neue Bezugspersonen annehmen und mit der Konkurrenz um diese klar kommen
• Bedürfnisse deutlicher signalisieren und länger warten bis sie erfüllt werden
• Akzeptieren, dass es vermehrt zu Unklarheiten bei der (verbalen)Verständigung kommt
• Sich der Gruppendynamik anschließen, seinen Platz finden und Beziehungen zu anderen Kindern aufbauen.
• Lernen, sich gegenüber anderen Kindern durchzusetzen
• Lernen, zu teilen

Küsschen und Tschüsschen!

Nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern müssen eingewöhnt werden. Denn auch Mütter und Väter brauchen Unterstützung und Hilfe, um ihr Kind innerlich entlassen zu können.

Ein klarer Abschied des Elternteils ist ein absolutes Muss, bei dem das Kind Strukturen und eine helfende Orientierung erkennen kann. Er kann zu einem schönen alltäglichen Ritual werden, das dem Kind Sicherheit und Vertrauen auf die Rückkehr des Elternteils vermittelt. Ist das Elternteil selbst unsicher und zeigt sein schlechtes Gewissen, wird das Kind das unweigerlich bemerken und selbst verunsichert werden.

Beim Abschied sollte das Elternteil das Kind daher von sich aus der Bezugserzieherin übergeben, sich liebevoll verabschieden und dann zügig gehen. So zeigt es dem Kind, dass das Elternteil selbst den Wechsel für richtig und gut hält.

Der Bindungsforscher Prof. Dr. Brisch bringt das sehr treffend auf den Punkt:

Eine sichere Bindungsentwicklung und das damit verbundene Urvertrauen
wirken wie ein großer Schatz auf seiner anstehenden Reise.

(Karl Heinz Brisch, 2010)

 

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Bedeutung von (Ver)Bindung für Lernen und Entwicklung


Im Seminar erlangen Sie Wissen über die Bindungstheorie sowie über die verschiedenen Bindungsstile und erarbeiten, wie mit diesen Grundlagen für die Kinder ideale Bedingungen geschaffen werden können. Erkenntnisse aus der Bindungsforschung/Bindungstheorie.


• Mutter-Kind-Effekte
• Maßnahmen für die Umsetzung
• Bedeutung für die Eingewöhnung


Seminarzeiten:
28.03.22; von 09:00 - 12:00 Uhr & 13:00 - 16:00 Uhr

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