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Pädagogik & Psychologie

Die Sexualfreundliche Kita – zwischen Bildungs- und Schutzauftrag

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Die Sexualfreundliche Kita – zwischen Bildungs- und Schutzauftrag

Foto: Adobe Stock Yanlev

„Louise, zieh dich sofort wieder an! Und Du Max, machst jetzt Deine Hose zu.  Ihr zwei geht jetzt erstmal in eure Gruppen.“ So, oder so ähnliche Situationen haben Sie vielleicht schon erlebt?!?

Kinder ziehen sich gerne nackig aus. Zwei Mädchen spielen im Rollenspiel Arzt. Der Junge auf dem Wickeltisch hat eine Erektion. Eine Jungengruppe geht gemeinsam auf die Toilette…

All diese Situationen kennen pädagogische Fachkräfte aus ihrem Alltag in der Kita oder der Krippe. Wir Erwachsenen tendieren dazu, über solche kindlichen Spiele erst einmal irritiert zu sein. Es trifft jeden ganz persönlich - mit den gemachten Erfahrungen, dem Know-How und der eigenen Biografie. Es ist eben kein reines Sachthema, das einfach abzuarbeiten ist.

Was steckt hinter der kindlichen Sexualität?

Vor vielen Jahren wurde Kindern die Sexualität noch abgesprochen – das Thema wurde tabuisiert. Heute weiß man, dass die Sexualität ein Grundbedürfnis des Menschen ist und nicht erst irgendwann beginnt. Sexualität ist schon immer vorhanden. Der Alltag zeigt uns, dass Kinder es lieben zu kuscheln, sich zu berühren und Zärtlichkeiten auszutauschen.

Wenn Kinder ihren Körper erforschen und sich gegenseitig betrachten, dann ist es wichtig, dies grundlegend von der Erwachsenensexualität zu unterscheiden. Kinder erleben sich mit allen Sinnen – sie fassen sich an, reiben an Gegenständen, riechen, schmecken und sind im Kontakt mit anderen. Sie suchen ihre Rolle in der Familie oder der Gruppe. Solche Spiele entstehen spontan, aus dem Tun heraus und sind meist auch sehr unbefangen und natürlich (also ohne Hintergedanken oder gar Vorsatz). Wenn sich Kinder mit Körpererkundungsspielen beschäftigen, dann ist es für sie immer ein ganzheitliches „Spiel“. Es ist nicht DIE Sexualität, sondern ein wichtiger Bestandteil der Sozialentwicklung und Persönlichkeitsbildung.  Je nach Alter der Kinder sieht diese Körperlust sehr unterschiedlich aus.

Kindliche Sexualität im Krippen-Alter (0-3 Jahre)

Bei Kleinstkindern geht es in der Sexualentwicklung noch stark um die Wahrnehmung von sich selbst mit allen Sinnen. Das Berühren, Fühlen, Schmecken und Riechen steht im Mittelpunkt. Stellen Sie sich ein weinendes Baby vor, dass sich durch den engen Körperkontakt zur Bindungsperson beruhigt – es fühlt den Herzschlag, riecht den typischen Familiengeruch, schmeckt die Haut. Dieser enge Kontakt löst Oxytocin im Gehirn des Kindes aus – ein Hormon das zur Entspannung führt. Das Kind kann sich dadurch selbst regulieren.

Umso selbstständiger Kleinkinder werden, umso mehr wollen sie ihre eigene Umwelt und sich in dieser Umwelt erkunden. Dazu gehört auch, dass sie anfangen ihren Körper anzufassen und somit auch ihre Geschlechtsteile. Sie erkennen bereits, dass diese Berührungen angenehme Gefühle machen können. Gleichzeitig wollen Kleinkinder auch ihr gegenüber kennenlernen, sich präsentieren, ihren Körper zeigen und auch andere Körper betrachten. Der Weg der Sauberkeitsentwicklung steht ebenfalls auf dem Plan – Kinder untersuchen genau, was wo produziert wird, wo etwas herauskommt und wie sich dieser Prozess bewusst steuern lässt. Sauberkeitserziehung ist somit eng mit der Sexualentwicklung verbunden.

Kindliche Sexualität im Kita-Alter (3-6 Jahre)

Kita-Kindern geht es bevorzugt um die Exploration und den Wissensdrang. Sie möchten möglichst allen Dingen auf den Grund gehen. Es wird mit dem eigenen und dem Körper des anderen geforscht. Die sozialen Rollen in der Peergroup werden ausgetestet.

Hier ist Vorsicht geboten, denn so schön es ist, wenn Kinder sich gegenseitig erkunden – umso mehr muss beim Thema „soziale Regeln“ auf die Einhaltung geachtet werden. Hierbei darf es nicht dazu kommen, dass Kinder aufgrund von Druck oder Zwang zu einer Körpererkundung überredet werden. Die Nachahmungsspiele aus dem Alltag entwickeln sich hin zu Handlungen die Absprache benötigen: „Du bist der Arzt und du darfst mich jetzt untersuchen – ok?“ Spannend werden nun auch gemeinsame Toilettenbesuche – entweder, weil sich Kinder gegenseitig zuschauen möchten oder z.B. den Freund vor ungewollten Besuchern schützen wollen.

Bei Kita-Kindern wird die eigene Identität immer wichtiger – sie entwickeln eine Vorstellung von sich als eigenständige Person und suchen Gleichgesinnte. Sie machen sich ein Bild von der Rolle, die ihnen zugeschrieben wird, suchen nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Körper und Verhalten. Sie diskutieren über stereotypische Merkmale und Familienkonstellationen. Auch die Frage nach dem eigenen Entstehungsprozess wird immer präsenter. Kita-Kinder wollen z.B. wissen, wie sie in den Bauch gekommen sind, was sie dort gegessen haben, wie sie aus dem Bauch wieder herausgekommen sind und wieso sie Muttermilch erhalten haben… Die Fragen rund um das eigene Sein werden immer bedeutsamer.

Was kann die Kita zum Bildungsauftrag beitragen?

Eine an den Rechten der Kinder orientierte Sexualpädagogik ermöglicht sexuelle Bildung und gewährleistet gleichzeig den Schutz vor sexualisierter Gewalt. Aber wie sieht dies aus?

  • Achten Sie als päd. Fachkräfte die Emotionen, Grenzen und Bedürfnisse der Kinder. Wenn wir Kinder ernst nehmen und auf ihre Signale angemessen eingehen, dann machen wir sie stark und selbstbewusst für das spätere Leben. Kinder, die gelernt haben, dass ihre Person ernst genommen wurde, suchen sich im Notfall schneller Hilfe – daher: ermutigen Sie Kinder dazu, dass Wahren der eigenen Körpergrenzen einzufordern – „Dein Körper gehört dir“ Du darfst NEIN sagen, wenn Du etwas nicht möchtest!
  • Ermöglichen Sie Körpererkundung in einem sicheren Rahmen. Kinder müssen sich zurückziehen dürfen, um ihren Körper zu erkunden. Durch Nischen und Ecken bieten Sie Rückzugsmöglichkeiten, schützen vor ungewollten Blicken Fremder und haben trotzdem die Gelegenheit immer wieder „nach dem Rechten“ zu sehen.
  • Benutzen Sie die richtigen Bezeichnungen für Geschlechtsorgane. Nur wenn Kinder die richtigen Begriffe kennen, können sie diese benennen und im Notfall Hilfe holen. Ein Kind das sagt, dass es am Penis angefasst wurde, löst andere Reaktionen aus, als ein Kind das beispielsweise vom „Zipfelchen“ spricht.
  • Berührungen sind „Balsam für die Seele“. Durch Streichel- und Massageeinheiten lernen Kinder sich im Alltag zu entspannen. Nicht nur bei den Kleinsten– auch ältere Kinder genießen diesen intensiven Körperkontakt. (Meditationsübungen und Wohlfühlgeschichten für Kinder)
  • Matsch macht glücklich und ist ein Fest für alle Sinne. Was gibt es schöneres, als mit Rasierschaum, Wasserperlen und Co. zu experimentieren? Bei Regenwetter durch die Pfützen zu springen, im Sandkasten mit Matsch zu spielen und sich beim Angebot mit Fingerfarbe wahrzunehmen? (Taktile Erfahrungen fördern die körpereigene Sensibilität und das Wohlbefinden eines Kindes.)


Praxistipp

Regeln für Körpererkundungsspiele

Stellen Sie im Team feste Regeln für Körpererkundungsspiele auf. Kinder brauchen Freiheiten. Aber sie brauchen auch eine feste Struktur, eine pädagogisch reflektierte Haltung und einen geschützten Rahmen:

  • Kein Kind steckt etwas in en anders Kind hinein oder leckt am Körper des anderen
  • kein Kind wird zu irgendetwas gezwungen
  • Der Altersabstand beträgt maximal 2 Jahre
  • Jedes NEIN oder STOP wird akzeptiert
  • Es spielen alle freiwillig mit

Professionell gestaltete Rahmenbedingungen sind wichtig

Kindliche Sexualität ist für viel Menschen entweder ein Tabuthema, oder aber, und das ist wahrscheinlich noch häufiger, fehlt es an der entsprechenden Sachkenntnis. Gerade junge Eltern tun sich oft schwer mit dem Thema. Das produziert natürlich viel  oder gar falsches Handeln, das der Entwicklung nicht immer zuträglich ist.

In den Einrichtungen ist es daher umso wichtiger, dass sie auf einem guten und aktuellen Wissensstand sind. Nur so können Unsicherheiten und Schieflagen vermieden und ein guter Rahmen geschaffen werden, in dem die Kinder genau das finden, was sie zu einer gesunden Entwicklung brauchen.

 

Online-Live-Seminar

KUSCHENL, FÜHLEN, DOKTORSPIELE

Die Bedeutung kindlicher Sexualentwicklung zwischen Schutz- und Bildungsauftrag

Es kann schwierig sein, Grenzüberschreitungen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Wann schreite ich ein? Was lasse ich zu und was brauchen Kinder sogar? Zwischen diesem Forscherdrang und dem institutionellen Schutzkonzept die Balance zu halten, kann für Pädagogen herausfordernd sein. Wie dies gelingen kann und die Kinder respektvoll und altersangemessen begleitet werden können ist Inhalt dieses Seminars.

  • Bedeutung der Sexualentwicklung
  • Entwicklungspsychologie der Sexualentwicklung
  • Sicher Entwicklungs- und Schutzräume in der Kita schaffen und reflektieren
  • Übergriffe vermeiden und Kinder stärken

Seminarzeiten:

22.11.2022;  von 09:00 - 12:00 Uhr & 13:00 - 16:00 Uhr

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1 Kommentar

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Kommentare

Kommentar von Elke Manger |

Sehr gelungener Artikel mit hilfreichen Tipps für die Praxis

Antwort von Markus Bräuning, Berufsbildungsseminar e.V.

Danke für Ihr Feedback. Wir freuen uns, wenn unsere Blogartikel Hilfestellungen für die Praxis geben können.

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