Berufsbildungsseminar e.V. Landau

Inspiration und Information für Erzieherinnen und Erzieher.

Pädagogik & Psychologie

Ankunft in einer neuen Welt

Ankunft in einer neuen Welt

Foto: Adobe Stock Oksana Kuzmina

Die Bedeutung der Eingewöhnungszeit

„Das wird total spannend, Du wirst so vieles erleben. Stell Dir nur vor, wie viele fremde Menschen du kennenlernen wirst und wie diese spannende Kultur Dein Leben bereichern wird.“, hören Sie Ihre Partnerin sagen, während Sie gemeinsam zum Flughafen fahren. „Japan ist eine ganz andere Welt, aber es gibt so viel neues und Interessantes zu erleben. Du wirst sehen – es wird Dir gefallen!“, redet sie weiter auf Sie ein. Ihnen ist zwar etwas flau im Magen, aber Sie sind ja nicht alleine. Ihr Herzensmensch ist bei Ihnen und Sie können dieses Neue und Spannende gemeinsam kennenlernen und sich gemeinsam vortasten. Schon der Flug da hin ist ein Abenteuer für sich, aber langsam freuen Sie sich auf das weit entfernte Land auf das was vor Ihnen liegt und Ihre Ängste werden weniger.

Das Flugzeug landet, Sie steigen aus und sind erst einmal von all den neuen Eindrücken erschlagen. Die Sprache klingt so fremdartig, die Menschen kennen Sie nicht und irgendwie riecht es auch so völlig anders und es ist so laut. Doch Ihr Herzensmensch ist ja an Ihrer Seite – ihr geht es sicher genauso, aber gemeinsam schafft Sie das.

Nach dem Marsch durch die Gangway und der Odyssee bis zur Empfangshalle sind Sie beide endlich auf dem Vorplatz des Flughafens angelangt. Sie rufen ein Taxi und dann sagt Ihre Partnerin plötzlich: „So mein Schatz, ab jetzt schaffst Du es alleine. Ich muss jetzt gehen. Ich hole Dich dann in drei Wochen hier genau wieder ab.“

Stellens sie sich dieses Szenario einmal lebhaft vor und überlegen, welche Emotionen diese Situation in Ihnen auslösen könnte – wahrscheinlich sind das keine angenehmen Gefühle, oder?

Die Parallelen zur Krippeneingewöhnung

Diese Metapher steht stellvertretend für eine Krippen Eingewöhnung. Sie ist vielleicht nicht bis ins Detail schlüssig, doch zeigt sie viele Parallelen auf und vermittelt ein wenig die Gefühlswelt, in der Kinder sich in dieser Situation befinden können.  Man muss sich einmal vorstellen, welch großer Einschnitt es ist, wenn ein Kind das erste Mal eine Kita oder Krippe besucht.
Auf einen Schlag erlebt es:

  • völlig unbekannte Räume
  • viele neue Menschen (große und kleine)
  • neue Stimmen (die vielleicht durcheinanderreden)
  • eine andere Art des Sprechens
  • vielleicht sogar eine andere Sprache
  • neue Gerüche
  • andere Abläufe
  • neue Geräusche
  • andere Regeln

Umso wichtiger ist es, sich wirklich damit auseinanderzusetzen, was Kinder und deren Familie brauchen, um diese so prägende Zeit gut zu meistern.  

Studien wie z.B. die „Wiener Krippenstudie“ zeigen sehr deutlich, wie sich eine schlecht begleitete Ankommenszeit auf den Hormonhaushalt der Kinder auswirkt. Und das hat Auswirkungen auf die weitere Entwicklung. Bereits wenige Wochen nach Beginn des Krippenbesuchs ist eine deutliche Veränderung im Cortisolhaushalt des Kindes nachzuweisen. Kommen Kinder ohne Sicherheitsnetz in der Krippe an, bedeutet dies für sie Stress – um deutlicher zu sein, heißt dies Überlebensangst.

Studien zeigen aber auch, dass sichere Bindungen diese Kinder genau davor schützt. Eine sorgfältig geplante und durchgeführte Übergangsphase der Kinder mit Begleitung eines Elternteils ist entscheidend. Doch um wirklich gut ankommen zu können, braucht es noch mehr: Es benötigt Zeit, Offenheit, Vertrauen, Sicherheit und Wohlbefinden – auch für Eltern. Kinder und Eltern müssen so unterstützt und belgeitet werden, dass sie zunehmend in der Lage sind, Situationen in der Einrichtung als angenehm zu erachten und sich sicher fühlen.

Emotionen in der Eingewöhnungszeit

Im Eingangsbeispiel kam die Frage auf „Welche Emotionen löst diese Situation aus?“. Die Übergangsphase ist geprägt von Emotionen. Gefühle in der Eingewöhnungszeit können Angst, Traurigkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Wut, Freude, Mut, Neugierde oder Überforderung sein. In der Eingewöhnungszeit besteht die Herausforderung der pädagogischen Fachkraft darin, die eigenen Gefühle bei sich und auch die des Kindes und der Eltern wahrzunehmen. Durch dieses sensible Hinsehen gelingt es besser, das Bedürfnis des Gegenübers zu erkennen. Steckt hinter der Angst, das Bedürfnis nach Sicherheit? Oder steckt hinter der Wut das Bedürfnis nach Wahlmöglichkeit? Oder hinter der Freude das Bedürfnis nach dem Erkunden wollen.

Die Haltung macht den Unterschied. Denn wie schnell die Familie Sicherheit in der Kita gewinnt, können wir von außen nicht bestimmen. Aber wir können durch die bedürfnisorientierte Pädagogik in Resonanz gehen. Je feinfühliger Erzieherinnen und Erzieher auf die Signale des Kindes und der Eltern eingehen, desto mehr entsteht das Gefühl von Entspannung.

Das Ankommen in einer Kita verläuft meist wellenartig und nicht kontinuierlich. Kinder sind keine kleinen Maschinen, die jeden Tag etwas „runder“ laufen. Daher müssen wir in den Kitas noch mehr den Fokus auf Individualität legen. Jedes Kind ist anders- aber auch jeder Tag ist anders. Daher kann es schwierig werden, wenn Eingewöhnungen exakt nach einem zeitlichen Modell „abgearbeitet“ und damit falsch verstanden werden. Eingewöhnungsmodelle bieten auf der anderen Seite aber auch Struktur.

Praxistipp

  • Sanfte Eingewöhnung:
    Beginnen Sie die Eingewöhnung mit kurzen Trennungsphasen und steigern Sie diese allmählich. Dies gibt dem Kind Zeit, sich an die neue Umgebung und die Betreuungspersonen zu gewöhnen, ohne sich überfordert zu fühlen.

  • Vertraute Gegenstände:
    Bitten Sie die Eltern ihrem Kind vertraute Gegenstände, wie z.B. ein Kuscheltier oder eine Decke, mitzugeben um ihm ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit zu vermitteln.

  • Sensible Begleitung:
    Seien Sie als Betreuungsperson einfühlsam und geduldig während des Eingewöhnungsprozesses. Nehmen Sie die Signale des Kindes ernst und reagieren Sie darauf, um ihm Sicherheit zu geben.
  • Kontinuierliche Kommunikation:
    Halten Sie die Kommunikation mit den Eltern offen und regelmäßig. Informieren Sie sie über den Fortschritt ihres Kindes und beziehen Sie sie aktiv in den Eingewöhnungsprozess mit ein.

  • Individuelle Bedürfnisse beachten: Jedes Kind ist einzigartig, daher ist es wichtig, auf seine individuellen Bedürfnisse einzugehen. Einige Kinder benötigen möglicherweise mehr Zeit und Unterstützung als andere, um sich einzuleben.

Bedürfnisorientierte Begleitung während der Eingewöhnung

Jedes Kind braucht seine individuelle Begleitung und deshalb eine bedürfnisorientierte Pädagogik. Um dies zu erreichen, sind kreative Lösungen und Strukturflexibilität erforderlich. Konzepte können hier einen Rahmen geben, dürfen aber nicht einengen. Die Kunst ist es, innerhalb des Konzeptrahmens individuelle Entscheidungen zum Wohl des Kindes und der Familie zu treffen. Rückschritte müssen als normal gesehen werden und nicht als „Versagen“ des Kindes, oder der erziehenden Person. Damit Eltern Sicherheit spüren, sollten sie daher in die Entscheidungen und Schritte einbezogen werden. „Was denken Sie, ist Ihr Kind bereit für einen ersten Trennungsversuch?“ Eltern sind die Experten für ihr eigenes Kind – das bedeutet auch, dass wir diese Erfahrungen nutzen können. Wenn Eltern mitentscheiden dürfen, stärkt dies die Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie. Eltern, die selbst Trennungsschmerz spüren und somit mit einer Mitentscheidung überfordert sind, brauchen hingegen mehr Orientierung. Was nicht geschehen darf ist, dass diese Überforderung als Argument genutzt wird, um den Verlauf zu bestimmen.

Ziel muss sein, dass es allen Beteiligten mit der Eingewöhnung gut geht und Gefühle und Bedürfnisse aller ernst genommen werden. Dies bedeutet nicht, dass es nie Tränen geben soll oder Kinder nicht traurig sind dürfen. Vielmehr heißt es jetzt, dass diese Emotionen begleitet werden, ihren Platz haben dürfen und immer wieder gemeinsam an weiteren Schritten gearbeitet wird.

Zeitdruck, emotionale Unsicherheit und Erwartungsdruck hemmt dieses Ankommen und vermittelt das Gefühl von „loslassen müssen“.  

Fazit

Eine erfolgreiche Eingewöhnung in die Krippe ist ein wichtiger Meilenstein für Kinder und ihre Familien. Durch eine einfühlsame und individuelle Begleitung können Kinder Vertrauen und Sicherheit aufbauen und sich zunehmend wohl in ihrer neuen Umgebung fühlen. Die Zusammenarbeit zwischen Betreuungspersonen und Eltern ist dabei entscheidend, um den Übergang so reibungslos wie möglich zu gestalten und die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen.

"Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie geliebt und unterstützt werden, wenn sie sich in einer neuen Situation befinden. Die Eingewöhnung in eine Krippe sollte daher behutsam und einfühlsam erfolgen, damit das Kind Vertrauen aufbauen kann."

Jesper Juul



Online-Live-Seminar

Zeit anzukommen

Eingewöhnung in der Kita

Das Seminar beschäftigt sich mit dem Grundgedanken des Bindungsaufbaus und der Bedeutung der Bedürfniserkennung.  Denn Bindung und Beziehung sind Voraussetzung für eine gelingende frühkindliche Entwicklung.

Inhalte

  • Bedeutung von Bindung und Beziehung in der Kita
  • Ankommen oder Loslassen - die feinen Unterschiede für das Kind
  • Bedürfniserkennung als Grundlage, um den Eingewöhnungsprozess zu gestalten
  • Verschiedene Modelle im Blick (Berliner, Münchner, Partizipatorisches Modell, Peer-Group Eingewöhnung)
  • Eingewöhnung als Teamaufgabe
  • Was tun, wenn es schwierig wird?

Seminarzeiten:

Das Seminar besteht aus einem Termin:

02.05.2024; von 09:00 - 12:00 Uhr & 13:00 - 16:00 Uhr

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