Berufsbildungsseminar e.V. Landau

Inspiration und Information für Erzieherinnen und Erzieher.

Pädagogik & Psychologie

Alle Sinne wecken und beleben

| 1 Kommentar

Alle Sinne wecken und beleben

Gezielte Wahrnehmungsförderung für Kinder

„Mensch Toni, hör doch mal endlich auf, so rum zu hampeln, ruft Jason Toni zu, „Ich will die Geschichte hören!“ Jason kann es nämlich überhaupt nicht leiden, wenn er davon abgehalten wird, gedanklich in einer spannenden Geschichte zu versinken, die sein Erzieher grad zum Besten gibt. Toni wiederum ist voller Bewegungsdrang und ihm kommt es sehr gelegen, dass eine Erzieherin gerade ein Bewegungsspiel beginnt. Sofort ist er dabei und Jason kann sich wieder ganz seiner Geschichte hingeben.

Wie ein altbekanntes kölsches Sprichwort sagt: „Jede Jeck is anders“.  Das ist zwar eine Binsenweisheit,  doch trotz allem Bewusstsein darüber, geht genau diese Individualität der Kinder im herausfordernden Kita-Alltag teilweise unter.

Teil des professionellen Handelns von Erzieherinnen und Erziehern ist es, jedes Kind mit all seinen Stärken wahrzunehmen. Bei so vielen Kindern in der Gruppe und den zahlreichen Aufgaben im Alltag, fällt dies jedoch nicht immer ganz leicht. Schon bei dem Gedanken an einzelne Kinder fällt auf, dass jedes Kind ganz unterschiedliche Vorlieben und Bedürfnisse hat. Dies zeigt sich z.B. deutlich in der Auswahl ihrer bevorzugten Spiele:

Bevorzugte Spiele geben Hinweise auf den präferierten Sinneskanal eines Kindes

Nun könnte man sagen, so ist das eben, jeder macht was anderes gerne. Doch für pädagogische Fachkräfte können bereits solche Vorlieben und Verhaltensweisen ein wichtiger Hinweis auf die bevorzugten Wahrnehmungskanäle einzelner Kinder sein. Denn Menschen haben in der Regel einen präferierten Sinneskanal, über den sie einen besonders guten Zugang zu ihrer Umwelt haben.

Die Förderung der Sinne ist daher ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Durch unsere Sinne nehmen wir Informationen aus der Umgebung auf und verarbeiten sie.

Sie sind das Eingangstor zu der uns umgebenden Welt. Pädagogische Fachkräfte können die Kinder dabei unterstützen, eben diese Pforte zu öffnen und Ihnen einen möglichst breiten Zugang zu dieser Welt zu ermöglichen, indem Sie die Sinneswahrnehmung der Kinder gezielt fördern.

 

Die 5 Sinneskanäle:

Oftmals werden die 5 Sinne mit der Abkürzung „VAKOG“ bezeichnet.

Alles, was wir wahrnehmen, wird durch unsere 5 Sinnesorgane aufgenommen und im späteren Verlauf  gefiltert und bewertet.

VAKOG steht für:
Visuell (Sehen)
Auditiv (Hören)
Kinästhetisch (Fühlen)
Olfaktorisch (Riechen) und
Gustatorisch (Schmecken)

 

 

 

Über die unterschiedlichen Sinne nehmen wir die Außenwelt wahr und verarbeiten diese Eindrücke zu einem inneren Abbild - unserer inneren Landkarte der Welt - und diese ist oftmals besonders von einem Sinneskanal geprägt.

Praxistipp

Möchten Sie Ihren eigenen präferierten Sinneskanal  kennenlernen?

Ein Selbstexperiment: Erinnern Sie sich z.B. an einen Ihrer Lieblingsorte…
Was nehmen Sie zuerst wahr?

  • Ist es ein Bild vor dem inneren Auge, wie dieser Ort aussieht? (visuell)
  • Ist es der besondere Klang, der an diesem Ort vorherrscht? (auditiv)
    Das Rauschen des Meeres, das Zwitschern der Vögel, oder gar die einsame Stille.
  • Ist es ein besonderes Gefühl? (kinästhetisch)
    Der Wind auf der Haut, die Wärme der Sonne, die Wiese auf der sie liegen oder der Sand unter den Füßen?
  • Was können Sie riechen? (olfaktorisch)
    Oftmals verbinden wir mit einem Ort einen ganz besonderen Duft.
  • Erinnern Sie sich an einen besonderen Geschmack? (gustatorisch)
    Das Salz des Meeres, die Pommes am Strand, der Wein am Abend usw..

    Vielleicht können Sie wahrnehmen, welcher dieser Sinneseindrücke als erstes in Ihr Bewusstsein rückt oder die stärkste Reaktion in Ihnen auslöst. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, welcher Sinneskanal Ihnen den besten Zugang zur Außenwelt ermöglicht.

Warum es hilfreich ist den bevorzugten Wahrnehmungskanal zu kennen

Eine der wichtigsten Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte ist es, die Kinder so wahrzunehmen, wie sie sind und ihnen entsprechend förderliche und unterstützende Entwicklungsangebote zu machen. Beurteile ich also ein stark kinästhetisch -  also auf die Bewegung - ausgelegtes Kind danach, ob es ruhig am Tisch sitzen oder einer vorgelesenen Geschichte gut folgen kann, so wird es immer den Stempel bekommen, „zappelig“ zu sein. Erkenne ich jedoch, dass das vermeintlich störende Zappeln ein Ausdruck des kinästhetischen Wahrnehmungstyps ist, kann ich ggf. eben genau diese Eigenschaft des Kindes fördern und eine Beschäftigungsmöglichkeit anbieten, die dem Kind eher entspricht.

 Soll also immer nur ein Sinn gefördert werden?

Doch dies bedeutet nicht, dass Kinder nie an den Angeboten der Fachkräfte teilnehmen sollen oder immer nur ein Sinn gefördert werden soll. Im Gegenteil: Betrachten Sie den von dem Kind präferierten Sinn vielmehr als eine Art Schlüssel oder Eingangstor, um auch die Auseinandersetzung mit weiteren Sinnen anzuregen. Es gilt sensibler zu werden und die eigenen Angebote möglicherweise dahingehend anzupassen. So kann es z.B. sein, dass einem auditiven Kind aktive Bewegungsspiele mit vielen Kindern schlichtweg zu laut sind, die Bewegung selbst jedoch gar nicht abgelehnt wird. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, ein Bewegungsspiel zu entwickeln, welches die Bewegung des Kindes fördert aber zugleich den auditiven oder visuellen Sinn fordert. Das altbekannte Spiel Plumpsack z.B. erfordert Bewegung in hohem Maße, doch auch das genaue Hinhören, wann der Sack ggf. hinter mich fällt, spielt dabei eine Rolle. Eine weitere Möglichkeit ist z.B. ein Spiel, bei dem Kinder auf spezifische visuelle Signale wie z.B. das Zeigen einer Farbkarte reagieren und loslaufen müssen. Auch dies vereinigt den visuellen und kinästhetischen Sinn. Es gilt also mehrere Sinne miteinander zu kombinieren und möglichst viele Sinne anzusprechen. Denn so wird jedes Kind individuell auf dem bevorzugten Sinneskanal angesprochen, und zugleich können die pädagogischen Fachkräfte dennoch dem Bildungsauftrag nachkommen und Kinder auch dahingehend fördern, die bisher weniger stark ausgeprägten Sinneskanäle zu stärken.

Praxistipp 2

Memory mit Sinneserfahrung: Erstellen Sie am besten gemeinsam mit den Kindern ein Memory-Spiel mit verschiedenen Gegenständen, die unterschiedliche Texturen, Gerüche oder Farben haben. Die Kinder müssen dann die Paare finden und erraten, welchen Sinn sie dabei benutzen.

Blindes Fühlen
Verwenden Sie verschiedene Gegenstände mit unterschiedlichen Texturen (wie Sandpapier, Federn, Perlen usw.). Die Kinder sollten sie in einem Beutel oder einer Box ertasten, ohne sie zu sehen, und erraten, um was für ein Objekt es sich handelt.

Schmeck-Spiel
Bieten Sie den Kindern eine Auswahl an Lebensmitteln mit verschiedenen Geschmacksrichtungen an (süß, sauer, salzig, bitter usw.) und lassen sie probieren und erraten, welche Geschmacksrichtung es ist.

Hör-Spiel
Verwenden Sie verschiedene Gegenstände mit unterschiedlichen Klängen (wie eine Rassel, eine Glocke, eine Trommel usw.) und lassen Sie die Kinder hören und erraten, welcher Gegenstand es ist.

Farb-Suche
Geben Sie den Kindern eine bestimmte Farbe vor und lassen Sie sie im Raum nach Gegenständen suchen, die diese Farbe haben.

Form-Spiel
Lassen Sie die Kinder verschiedene Formen aus Papier ausschneiden und versuchen, Gegenstände in ihrem Haus zu finden, die dieselben Formen haben.

Malen mit verbundenen Augen
Lassen Sie die Kinder ein Bild malen, während sie die Augen verbunden haben. Dabei müssen sie sich auf ihr Tastgefühl konzentrieren, um das Bild zu gestalten.

Bewegungsspiel mit Geräuschen
Lassen Sie die Kinder verschiedene Bewegungen ausführen, während sie Geräusche machen, die zu den Bewegungen passen. Zum Beispiel: Stampfen wie ein Elefant, klettern wie ein Affe oder hüpfen wie ein Frosch.

Sinnes-Parcours
Stellen Sie einen Parcours mit verschiedenen Stationen zusammen, an denen die Kinder ihre Sinne benutzen müssen, z.B. Hindernisse überwinden, während sie ein Objekt ertasten oder eine Aufgabe lösen, die ihren Geruchs- oder Geschmackssinn herausfordert.

Warum alle Sinne von Bedeutung sind?

„Kennst Du viele Sprachen – hast Du viele Schlüssel zu einem Schloss“ -Voltaire-

Alle Sinne sind von Bedeutung und es ist eine Stärke „multisensorisch“, also mit allen Sinnen, arbeiten zu können. Dies zeigt sich z.B. beim Lernen. Vielleicht haben Sie selbst auch schon einmal bemerkt, dass es hilfreich sein kann, nicht nur zu hören, was jemand sagt, sondern die Information zeitgleich zu lesen, oder sich die Information sogar selbst aufzuschreiben? Dies zeigt, wie hilfreich und wertvoll es sein kann, Sinnesorgane miteinander zu kombinieren. Denn beim Lernen werden ganz unterschiedliche Sinnesorgane aktiv und erst die Kombination von Hören (auditiv) Lesen (visuell) und Schreiben (kinästhetisch) verankert die Information bestmöglich in unserem Gehirn.
Für den Alltag in der Kita ist es deshalb besonders wichtig, stets auf mehreren Sinneskanälen zu kommunizieren. Vermutlich machen Sie dies bereits intuitiv, doch vielleicht kann dieser Artikel sie darin bestärken, ganz bewusst auf den Einbezug aller Sinne zu achten. Betrachten Sie jeden Sinneskanal als eine Art eigene Sprache, um mit Ihrem Gegenüber zu kommunizieren. Lernen Kinder früh alle Sinne miteinander zu kombinieren, so können Sie diese Eigenschaft im weiteren Leben „SINN-voll“ nutzen.

„Wenn Du einen Fisch danach beurteilst ob er auf einen Baum klettern kann, wird es sein ganzes Leben lang denken er sei dumm“

Albert Einstein

1 Kommentar

Zurück

Kommentare

Kommentar von Sinne |

interessante Sache, das mit der Abkürzung VAKOG war mir noch gar nicht bekannt

Antwort von Markus Bräuning, Berufsbildungsseminar e.V.

Man lernt eben nie aus:-) Fun-Fact. Man kennt VAKOG gemeinhin aus dem NLP, allerdings hat die Arbeit mit Submodalitäten seinen Ursprung bei Milton Ericson.

Danke für Ihren Kommentar!

Einen Kommentar schreiben

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Bitte rechnen Sie 9 plus 7.